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26.03. | Heimkinotipp der Woche

Systemsprenger · 27. Februar

26.03. | Heimkinotipp der Woche

Systemsprenger
Eurovideo, 27. Februar

Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ war mit mehr als 600.000 Zuschauern die deutsche Kinoüberraschung des letzten Jahres, Berlinale-Auszeichnung und Oscar-Vorauswahl inklusive. Inzwischen dreht die Braunschweiger Regisseurin sogar mit Sandra Bullock in Hollywood. Wir sprachen mit ihr über ihren ersten Spielfilm, in dem die neunjährige Benni von allen Heimen und Erziehern aufgegeben zu werden droht.

Frau Fingscheidt, gab es eigentlich einen bestimmten Auslöser dafür, dass Sie die Geschichte der wilden Benni erzählen wollten?
Alles begann vor sechs Jahren bei Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm in der Frauenpension Stuttgart, einem Heim für wohnungslose Frauen. Damals zog dort eine 14-Jährige ein, was ich total schockierend fand. Was macht ein so junges Mädchen in so einem Heim? Die Sozialarbeiterin sagte, das Mädchen gehöre zu den sogenannten „Systemsprengern“, die sie dort ab dem 14. Lebensjahr aufnehmen können. Und ich dachte: „System-was? Was ist das denn für ein Begriff?“ Mich hat das persönlich schon deswegen berührt, weil ich selbst ein wildes Kind war und oft das Gefühl hatte, den Leuten irgendwie zu viel zu sein, auch wenn mein Umfeld damit ganz gut umgehen konnte. Ich bin zwar mal aus der Klasse geflogen, aber nicht von der Schule. Ich wollte immer schon mal einen Film über ein wütendes Mädchen machen, und als ich das Wort „Systemsprenger“ hörte, war mir plötzlich klar, dass da eins und eins zusammenkommt. Je mehr ich dann recherchierte, umso faszinierter war ich von den Welten, die sich mir eröffneten. Ich hatte noch nie ein modernes Kinderheim gesehen, also eine Wohngruppe, wie man heute sagt. Auch hatte ich gar nicht auf dem Schirm, wie viele Kinder- und Jugendpsychiatrien es gibt. Unglückliche Kinder sind leider nach wie vor ein Tabuthema.

Sie haben in der Vergangenheit dokumentarisch gearbeitet. Wäre das in diesem Fall nicht auch eine gute Option gewesen?
Nicht für mich. Mir war gleich klar, dass dies ein Spielfilm werden soll. Das habe ich ja auch studiert, ich komme von der Fiktion. Und ich wollte diese Energie erzeugen, die einen mitreißt. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht mit einer Kamera in das reale Leben von Kindern eindringen wollte, denen es schlecht geht.

Wie gestaltete sich die Suche nach der jungen Hauptdarstellerin? Beim Schreiben dachte ich oft, dass ich niemals ein Mädchen finden würde, das diese Rolle spielen kann. Und ebenso wenig Eltern, die dieser Rolle dann zustimmen. Aber tatsächlich war Helena Zengel dann schon die Siebte, die vorsprach.

Das ging also wider Erwarten sehr schnell.
Absurd! Erstens hatte ich mir nie so ein strohblondes Kind als Systemsprengerin vorgestellt, und zweitens war ich davon ausgegangen, dass die Suche Monate dauern würde. Ich hatte mich darauf eingestellt, nicht nur über Casting-Agenturen zu suchen, sondern auch in Sportvereinen oder Kampfsportschulen. Dass schon unter den ersten zehn Mädchen das richtige dabei war, konnte ich nicht glauben. Also habe ich weitergesucht und schlussendlich 150 Mädchen gecastet, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich alle anderen nur mit Helena vergleiche. Sie konnte diese Aggression spielen und hatte auch keine Hemmungen, Schimpfwörter zu benutzen, machte dabei aber trotzdem immer eine Zerbrechlichkeit und Not spürbar. Dadurch war sie nicht einfach ein aufmüpfiges, verzogenes Kind, das rebelliert, sie konnte tatsächlich das existenzielle Drama spielen.

Wie haben Sie Helena vermittelt, worum es geht und was von ihr erwartet wird?
Mir war wichtig, dass Helena schon vor einer weiteren Casting-Runde das komplette Drehbuch liest. Ich wollte nicht, dass sie sich auf einen Dreh freut, aber nicht weiß, wie hart die Szenen sind. Es gab eine Vorbereitungszeit von sechs Monaten, in der wir uns immer wieder getroffen und über den Charakter von Benni gesprochen haben. Beim Dreh war wichtig, Helena stets eine Begründung für ihr Handeln mit an die Hand zu geben. Wir haben also nicht gesagt: „Benni rastet aus, jetzt mach mal das Fenster kaputt“. Sondern: „Benni rastet jetzt gerade aus, weil...“

Einem jungen Mädchen eine solche Rolle anzuvertrauen, ist im wahrsten Sinne des Wortes kein Kinderspiel...
Nein, und ich habe als Regisseurin eine entsprechende Verantwortung gespürt, auch wenn Helenas Mutter in jeden Schritt involviert war. Doch das Mädchen läuft immer noch gut gelaunt durch die Gegend und ist stolz auf den Film. Ein Trauma hat sie also scheinbar nicht davongetragen. (lacht)

Fazit:
Fingscheidt bleibt mit ihrer Kamera immer auf Augenhöhe ihrer kleinen Protagonistin, die durch das deutsche Jugendpflege-System geschoben wird, nachdem sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen darf. Ihre Inszenierung vibriert vor Wucht und Energie, aber auch Empathie, und für eine bemerkenswerte Wahrhaftigkeit sorgt nicht zuletzt die unglaubliche Hauptdarstellerin.

Foto: ©Peter Hartwig


Patrick Heidmann