25.3. | Hörbuchtipp: Anne Stern • Die weiße Nacht

Osterwoldaudio • gelesen von Julia Nachtmann • 687 Minuten

25.3. | Hörbuchtipp - Anne Stern • Die weiße Nacht

Mit dem Auftakt ihrer neuen Reihe entspinnt Bestsellerautorin Anne Stern vor der Szenerie des zerstörten Nachkriegsberlins eine vielschichtige und spannende Kriminalgeschichte, gelesen von Julia Nachtmann.

Berlin, 1946: Die Nachwehen des zweiten Weltkriegs sorgen für Armut, Krankheit und Hunger, Tote sind an der Tagesordnung. Doch die Leiche, die die Fotografin Lou Faber zwischen zerbombten Ruinen entdeckt, ist kein Opfer der Umstände, ihre drapiert wirkende Pose, mit vor der Brust gefalteten Händen, schreit Mord. Mit Kommissar Alfred König tritt ein klassisch verschlossener und getriebener Ermittler auf das Parkett, der nicht nur mit sich selbst, sondern auch personellem Mangel und unklaren Zuständigkeiten in der geteilten Stadt zu kämpfen hat. Als weitere Opfer folgen, steigt der Druck, den Täter zu finden und König sieht sich gezwungen, die dunkelsten Orte der jüngsten Vergangenheit aufzusuchen.

In den kargen Nachkriegswinter setzt Anne Stern eine spannende, zunächst recht klassisch wirkende Kriminalgeschichte, in der Protagonistin Lou nicht hinter ihrem männlichen Pendant zurückstehen muss. Wenn ihr auch von der Polizei weder Anerkennung noch Respekt entgegengebracht werden, schlägt sie sich gegen Vorverurteilungen, Misogynie und Armut.

Zwischen ihr und König entspinnt sich eine leise Verbindung, die auf etwas Tiefgründigem zu basieren scheint. Bereits mit der Hebamme Hulda Gold ihrer Bestsellerreihe »Fräulein Gold«, die in der Weimarer Republik angesiedelt ist, hatte Stern, die neben Literaturwissenschaft auch Geschichte studierte, Frauen in den Fokus gerückt und deren widrige Lebensumstände im Wandel der Zeit abgebildet. In ihren Romanen gelingt es ihr, historische Umstände als Szenerie mit authentisch wirkender Atmosphäre zu kreieren und sie mit größeren Fragen nach Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Dogmen zu verbinden.

Diesmal legt sie den Finger in eine ganz besonders schmerzhafte deutsche Wunde. Denn in den kalten Tagen vor Weihnachten fragen sich ihre Figuren immerzu: Auf welcher Seite stand mein Gegenüber unter der Herrschaft der Nazis? Und welche Rolle spielt das nun in der zerstörten Stadt, in der es an allem mangelt, nur nicht an gegenseitigen Verdächtigungen? Doch auch das eigene Gewissen steht auf dem Prüfstand und wenigen war es vergönnt gewesen, ohne Reue durch die Kriegsjahre zu gehen. Selbst die Morde scheinen mit der moralischen Frage nach Schuld und Sühne zusammenzuhängen und wurzeln tiefer, als es zunächst scheint.

Dieses feine Zusammenspiel aus Unterhaltungslektüre, historischen Tatsachen und ethischen Fragen ist, was Sterns Schreiben auszeichnet und gerade jetzt die Verantwortung jedes einzelnen in gesellschaftlich herausfordernden Zeiten in Erinnerung ruft. In »Die weiße Nacht« ist es außerdem der medial gerahmte Blick der Fotografin Lou, der geschickt wie ein Prisma eingesetzt wird und bei dem sich durch Wahl des Ausschnitts und Wiederbetrachten ihrer Bilder Perspektiven verschieben und zu neuen Erkenntnissen führen. Gleiches lässt sich für die Vertonung durch Schauspielerin Julia Nachtmann sagen, die mit ihrer klaren Stimme die zahlreichen Eindrücke und Figuren tonal gekonnt in Szene setzt.

Auch den wenigen lichten Momenten der Erzählung verleiht sie eine besondere Wärme, etwa, wenn am Weihnachtsabend ein karges Mahl im Kerzenschein für ein kurzes Aufatmen sorgt. Genauso gelingt es ihr, in bedrohlichen Zwiegesprächen eine kristallene Härte zu kreieren. Das sorgt insgesamt für über elf Stunden unterhaltsame wie anregende Hörzeit, bei der Historisches und Fiktives miteinander verwoben werden und ein Sog entsteht, der neugierig auf die folgenden Bände macht.

Marina Mucha


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