25.2. | Buch der Woche: Rachel Khong • Real Americans

KiWi

25.2. | Buch der Woche - Rachel Khong • Real Americans

In »Real Americans« erzählt Rachel Khong eine Einwanderergeschichte über drei Generationen hinweg. Manchmal tiefgründig und nachdenklich, meistens unterhaltsam wie eine literarische Telenovela.

Die Geschichte beginnt wie eine dieser völlig unglaubwürdigen Rom-Coms, von denen manche Leute trotzdem nicht genug bekommen können. Lily Chen ist 22 und arbeitet als unbezahlte Praktikantin in einer Bürofirma in Manhattan. Ihre Eltern, beide einst aus China eingewandert, blicken zurück auf ein arbeitsames Leben, geführt in dem Wunsch, dass es ihre Tochter einmal besser haben soll.

Bei einer Party trifft Lily auf den etwas älteren Matthew, charmant, gutaussehend und darüber hinaus der steinreiche Erbe eines Pharma-Imperiums. Matthew findet Gefallen an Lily, lädt sie in schicke Restaurants ein, entführt sie spontan für ein Wochenende nach Paris und trägt ihr schließlich die Ehe an. Ein Märchen, das zu schön ist, um wahr zu sein, und das – da verrät man nicht zu viel – wohl auch nicht ganz wahr ist.

»Real Americans­ « ist ein raumgreifender Roman, der sich über drei Teile und drei Generationen erstreckt und dabei immer wieder Fragen der Identität streift, insbesondere, was die komplexen Biografien von Einwanderern angeht. Die USA als Sehnsuchtsort und vermeintlicher Schmelztiegel spielen hier eine besondere Rolle.

Jahrhundertelang hat das Land Menschen von überall auf der Welt die Aussicht auf eine persönliche Neuerfindung geboten, das sprichwörtliche Streben nach Glück als gemeinschaftsstiftende, uramerikanische Lebensanschauung. Jahrhundertelang ist dieses Versprechen nicht vollumfänglich eingelöst worden, schreiben­ sich Ausgrenzung, Ausbeutung und Rassismus in der Geschichte fort.

Bis heute interessant und spannend sind die Feinheiten und die Bruchstellen, die sich durch die Gesellschaft und mitunter selbst durch die einzelnen Familien ziehen, die doch alle der Meinung sind, »echte Amerikaner« zu sein. Lily ist sich da nicht immer so sicher. Sie weiß zum Beispiel, dass asiatische Frauen auf dem Dating-Markt gerne fetischisiert werden, weiß, dass der Mythos von der »Model Minority« problematisch sein kann, weiß, dass es Dinge gibt, über die sie mit ihren Eltern nicht reden kann. Weil die trotz aller Assimilationsbemühungen irgendwo ihrer Herkunft und ihren Wurzeln verhaftet sind. Weil sie trotz ihrer Lebenserfahrung noch eine geradezu naive Zuversicht in das Leistungsprinzip und in die soziale Mobilität haben. Und weil sie trotzdem auf eine Art und Weise fremd geblieben sind, die sie selber nicht begreifen können, und die sich erst im Generationenkonflikt zeigt.

Chinesen, sagt Lilys Mutter Mei, würden einen Apfel erst sorgfältig entkernen und dann in mundgerechten Scheiben servieren – ein Amerikaner beißt einfach hinein. Allzu akademisch darf man sich solche Überlegungen aber nicht vorstellen, denn »Real Americans« ist in erster Linie an unterhaltsamer Lektüre gelegen. Dabei verbindet Khong verschiedene Genres miteinander, baut Sci-Fi- und Mystery-Elemente ein, treibt die Handlung rasant voran wie in einer Fernsehserie, die man gleich staffelweise konsumiert.

Im Kern stellt sie die Frage nach dem Glück. Wie man es begünstigen kann, wie es zu erreichen ist, und ob es letzten Endes wirklich die Mühe lohnt. Sowohl in den USA als auch in China ist der Begriff schließlich ausgesprochen positiv besetzt und schon semantisch (»Fortune«) mit finanziellem Erfolg verknüpft. Spätestens an dieser Stelle outet sich die Autorin als waschechte Amerikanerin, denn am Ende liegt ihrer Geschichte ein unbeirrbarer Optimismus zugrunde, zumindest, was die Macht reicher Gönner angeht. Also fast wie in einer Rom-Com.

Markus Hockenbrink


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