25.06. | Buch der Woche: Alex Schulman • Vergiss mich

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25.06. | Buch der Woche - Alex Schulman • Vergiss mich

Alex Schulman
Vergiss mich
übersetzt von Hanna Granz
dtv • 256 Seiten • 23,00 €

Der Schwede Alex Schulman ist ein Spezialist für dysfunktionale Familien. Als sein Roman »Die Überlebenden« 2020 erschien, stürmte er die Bestsellerlisten. Er erzählt darin die Geschichte von drei Brüdern und deren Kampf um die Liebe ihrer Mutter. Handelte es sich damals um Figuren und eine fiktionalisierte Handlung, so beschreibt Schulman in »Vergiss mich«, wie es wirklich war. Das Buch, 2017 im Original erschienen und jetzt ins Deutsche übersetzt, kann als autobiografische Vorlage für den Roman gelten. Das aber macht es nur umso eindrücklicher. Der 1976 geborene Schulman beschreibt darin das Verhältnis zu seiner alkoholkranken Mutter Lisette und findet dafür nachhallende Bilder. Wenn er ihr etwa seine Tochter Frances zum Babysitten anvertraut und bei der Rückkehr die Mutter im Vollrausch auf der Couch findet, während sich das Kind im Bad mit Kot beschmiert. Wie tapfere kleine Soldaten wachen die drei Brüder darüber, dass das Geheimnis der Mutter nicht auffliegt. Bis die sich im Ferienhaus der Familie einschließt und aus dem Leben trinken will. Dramaturgisch gekonnt schaltet Alex Schulman Szenen aus der Vergangenheit ein und evoziert in suggestiven Sätzen seine Erinnerungen. Dabei verfällt er immer wieder in die Perspektive des Zehnjährigen und macht so auf verstörende Weise die quälenden Verhaltensmuster anschaulich, denen er auch im realen Leben nur schwer zu entkommen vermag. Keiner schreibt so authentisch über kindliche Beschädigungen wie Alex Schulman.

Welf Grombacher


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