Literatur

25.05. | Buch der Woche

Karl Ove Knausgård • Der Morgenstern

Luchterhand

25.05. | Buch der Woche - Karl Ove Knausgård • Der Morgenstern

Die großen Fragen

Karl Ove Knausgård kehrt nach Jahren des autofiktionalen Schreibens zurück zum Roman. In „Der Morgenstern“ widmet er sich nichts Geringerem als Leben und Tod.

Für die ersten Menschen sei das Leben selbstverständlich gewesen und der Tod das Mysterium, zitiert Karl Ove Knausgård den deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas (1903-1993). Für uns dagegen sei es umgekehrt, heute sei der Tod gegeben und allgegenwärtig, während das Leben ein Mysterium sei. Um nichts weniger geht es in Knausgårds Roman „Der Morgenstern“. Ein großartiges Buch, mit dem er nach Jahren der Autofiktion, die er im sechsteiligen Zyklus „Min Kamp“ sowie in seiner „Jahreszeiten“-Tetralogie bis zum Exzess getrieben hat, zum rein fiktionalen Schreiben zurückkehrt. Begonnen hat er damit vor Jahren. Doch erst im Frühjahr 2020, während des Lockdowns in London, nahm das Projekt Fahrt auf. Und obgleich es sich nicht um einen Pandemie-Roman handelt, ist die drückende Atmosphäre zu spüren. Der 1968 in Oslo geborene Knausgård erzählt aus neun Perspektiven. Fünf Frauen, vier Männer. Jedem Charakter gibt er Teile von sich selbst mit. Obwohl sie angesehene Berufe haben, Sommerhäuser und Familien wie aus dem Bilderbuch, fechten sie alle ihren ganz eigenen Kampf. Arne ist Uniprofessor und macht mit seiner psychotischen Frau Tove Urlaub am Meer. Während er sich bemüht, den verständnisvollen Ehemann zu geben, wächst in ihm der Unmut über Tove, die sich in ihrer krankhaften Selbstbezogenheit nicht mehr um die Kinder kümmert und sogar für den Tod der Katze verantwortlich ist. Kathrine ist Pfarrerin und beschließt nach einem Theologie-Kongress, nicht mehr zu ihrer Familie zurückzukehren, sondern nimmt sich ein Hotelzimmer. Emil jobbt in einem Kindergarten, bis ihm der kleine Liam beim Wickeln vom Tisch fällt und apathisch in die Leere starrt. Er erzählt niemandem davon und geht stattdessen zur Probe seiner Band. Und dann ist da Jostein, der zum Kulturjournalisten degradiert wurde, obwohl er viel lieber weiter Polizeireporter wäre. Während Gattin Turid zu Hause wartet, damit sie zur Arbeit gehen und er auf Ole aufpassen kann, zieht er um die Häuser und schläft mit der Künstlerin, die er interviewt. Zwei Tage begleitet Knausgård seine Protagonisten. Zusammengehalten wird die Handlung, die in Bergen angesiedelt ist, durch die Nachricht von drei ermordeten Jugendlichen einer Death-Metal-Band sowie durch das Erscheinen eines Himmelssterns, der Krebse über die Straße wandern lässt, und auch andere Tiere in wilde Unruhe versetzt. So manchen der Handlungsstränge lässt Knausgård ins Nichts laufen. Oder nimmt er die Fäden erst in der Fortsetzung auf, an der er gerade schreibt? In Interviews war von einer Trilogie die Rede. Aber um Antworten geht es ihm ohnehin nicht. Viel wichtiger sind die großen Fragen, die wir uns alle stellen. Knausgård erzählt von der Leere in einer säkularisierten Gesellschaft, die, von der Wissenschaft geprägt, keine irrationalen Erklärungen akzeptiert, und von der Sehnsucht nach einer Religion, die alles zusammenhält. Anders als seinem Landsmann Jon Fosse aber ist ihm der Weg zurück zum Glauben nicht möglich. Obwohl dieser existenzialistische Roman metaphysische Fragen aufwirft, liest er sich spannend. Nie gibt es Leerlauf. Ohne Frage: Knausgårds bestes Buch.

Karl Ove Knausgård
Der Morgenstern

Luchterhand, 896 Seiten

Welf Grombacher