Musik

25.02. | Album der Woche

Youn Sun Nah • Waking World

Warner

25.02. | Album der Woche - Youn Sun Nah • Waking World

Foto: ISAAC/Warner


Kreativer Rausch

Youn Sun Nah begann ihre Laufbahn als Musicaldarstellerin, bevor sie mit Mitte 20 in Paris Jazz und Chanson studierte. Ihren internationalen Durchbruch schaffte die heute 52-Jährige 2010 mit dem Album „Same Girl“. Auf „Waking World“ hat die Südkoreanerin, die bisher überwiegend coverte, erstmals alle Lieder selbst verfasst.

Ms Nah, worum geht es im Titelsong Ihres neuen Albums „Waking World“?
Um das Gefühl, aufzuwachen und nach wenigen Momenten festzustellen, dass die Traumwelt gerade die schönere, die leichtere war. Weil du die Augen öffnest und realisierst, wie schmerzvoll doch die Wirklichkeit ist. Andererseits würden sich wohl alle von uns wünschen, die Wirklichkeit der vergangenen zwei Jahre wäre lediglich ein Traum gewesen. Aber auch diese Hoffnung hält der Realität nicht stand, und es hilft nichts: Wir müssen uns dem Leben stellen, das wir gerade haben.

Sie sind Kosmopolitin, in Seoul geboren, Mitte der Neunziger zum Studium nach Paris gezogen, zuletzt für mehrere Jahre in New York heimisch gewesen. Wohin hat es Sie aktuell verschlagen?
Ich hielt mich noch im Februar 2020 in New York auf, schrieb dort an neuer Musik und war auf der Suche nach neuen Inspirationen, menschlich wie musikalisch. Ich befand mich zu der Zeit in einer etwas stagnierenden Phase. Dann ging der Mist mit Corona los und ich entschloss mich, heimzukehren. Ich erwischte eines der letzten Flugzeuge von New York nach Seoul und suchte mir dort erstmal eine Bleibe. Meine Familie war froh, dass ich nach Hause kam, sie hatten sich große Sorgen gemacht.

Und jetzt leben Sie in Seoul?
Nein, das wurde mir schnell zu laut und zu hektisch. Ich bin jetzt im Gebirge, ungefähr anderthalb Stunden mit dem Auto von Seoul entfernt. Wenn ich das Haus verlasse, bin ich in zwei Minuten mitten in der Natur. Ich genieße es, draußen zu sein, die Luft einzusaugen, zu wandern. Ich laufe gerne in den Bergen herum, so richtig steil und hoch sind sie nicht, wirklich aufpassen muss man nur vor den Wildschweinen. Diese Tiere haben keine Angst vor den Menschen und immer Hunger. Eine etwas unheilvolle Kombination (lacht).

Haben Sie die Lieder des neuen Albums alle in Südkorea geschrieben?
Größtenteils ja. Bei manchen hatte ich auch bereits die Musik, und den Text schrieb ich dann später. „Bird On The Ground“ ist so ein Fall. In dem Lied singe ich darüber, wie es ist, am Boden festzusitzen, obwohl man eigentlich Flügel hat und sehnsüchtig darauf wartet, wieder starten zu können.

Sie fühlten sich paralysiert? Ja, total. Diese Starre umklammerte mich komplett. 2020 habe ich wirklich so gut wie nichts arbeiten oder gar schreiben können, ich fühlte mich wie gelähmt. Eigentlich lösten sich die Blockaden bei mir erst, als auch die Welt wieder etwas auftaute. Ich habe das Album im Sommer 2021 in Paris mit einigen meiner französischen Freunde aufnehmen können. Als sich zuvor abzeichnete, dass die Brücken zur Welt wieder passierbar sein würden, geriet ich fast schon in einen kreativen Rausch.

Hätten Sie auch ohne Corona ein Album nur mit Eigenkompositionen aufgenommen?
Ich glaube nicht. Ich dachte immer, ich sei noch nicht bereit, bin ich vielleicht auch immer noch nicht. Trotzdem habe ich das jetzt gewagt und bin im Nachhinein sehr glücklich darüber. Ich verbrachte viel Zeit damit, mich auf YouTube und mit Büchern fortzubilden und besser zu lernen, wie Songwriting funktioniert. Die entscheidende Lektion lautet: Sei nachgiebig mit dir selbst, denn unter hundert Songs ist im Schnitt nur ein wirklich guter.

Kulturell erlebt Südkorea seit einigen Jahren einen regelrechten Boom. Der Film „Parasite“, K-Pop-Bands wie BTS oder die Serie „Squid Game“ sind nicht nur extrem erfolgreich, sondern auch gesellschaftlich relevant.
Mich macht das richtig glücklich. Wie wohl die meisten Koreanerinnen und Koreaner meiner Generation hätte ich mir nie vorstellen können, dass uns eine solch umfassende friedliche Invasion gelingt.

Haben Sie „Squid Game“ gesehen oder war Ihnen die Serie zu brutal?
Na klar, ich habe „Squid Game“ in einer Nacht mit Freunden geguckt. Wir konnten nicht mehr aufhören, der Sog war gewaltig. Sicher waren viele Szenen harsch, doch die Kritik an der Ungleichheit und Ungerechtigkeit unseres gnadenlosen Systems, die den Kern der Serie bildet, finde ich extrem wichtig.


Youn Sun Nah Cover

Youn Sun Nah
Waking World

Warner, 28.01.

Ein Album wie ein Kuschelkissen. Die gebürtig aus Seoul stammende Weltbürgerin reüssierte bisher vornehmlich dank ihrer feingliedrig vorgetragenen Coverversionen oft durchaus populärer Stücke wie „Hallelujah“ oder „You Can’t Hurry Love“, die sie auf ihren Alben hier und da mit eigenen Liedern auflockerte. Nun aber hat Youn Sun Nah eine komplette Platte selbst geschrieben. Endlich, könnte man sagen. Denn auf „Waking World“ stellt sie ihre tolle Stimme überzeugend in den Dienst diverser Stilrichtungen, mal singt sie eher folkig-verträumt wie auf „It’s OK“, mal melancholisch und leicht angejazzt wie im Titelstück, erfreulich oft aber auch recht rasant wie im fast euphorischen „Don’t Get Me Wrong“, dem luftigen „Heart Of A Woman“ oder dem zynischen „Lost Vegas“. Und nicht nur im herzerwärmenden „My Mother“ wird Youn Sun Nah so persönlich wie noch nie. Ein Gewinn.

Steffen Rüth