24.6. | Buch der Woche: Augustine Sedgewick • Männer, Väter, Patriarchen

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24.6. | Buch der Woche - Augustine Sedgewick • Männer, Väter, Patriarchen

In seinem neuesten Buch »Männer, Väter, Patriarchen« erzählt Autor Augustine Sedgewick die Geschichte der Vaterschaft und stellt den jahrhundertealten Mythos männlicher Macht auf den Prüfstand.

Los Angeles in den 1950ern: Jim Stark, ein Rebell wie aus dem Lehrbuch, schert sich wenig um Recht und Ordnung. Permanent gerät der 17-Jährige mit dem Gesetz in Konflikt, wenn er sich nicht gerade an seiner dysfunktionalen Familie abarbeitet. Einzig in der Freundschaft zu Judy und Plato findet der Teenager den Halt, der ihm in seinem Elternhaus verwehrt bleibt. Das schwierige Verhältnis zu ihren Vätern, die eher durch emotionale Abwesenheit als durch elterliche Fürsorge glänzen, schweißt die Clique zusammen. Diese stehen nämlich prototypisch für einen Männertypus, der bis in die Nachkriegszeit eher als Regel denn als Ausnahme in den nach außen hin makellosen Haushalten US-amerikanischer Vorstadtsiedlungen galt.

Nicholas Ray illustriert in »Rebel Without A Cause« ebenjenen Generationenkonflikt, den auch Augustine Sedgewick in »Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht« aufgreift. Und bereits der Untertitel seines neuesten Sachbuchs lässt erahnen: Erzählungen über gesellschaftlichen Fortschritt kommen selten ohne Widersprüche und Verwerfungen aus. In dieses Spannungsfeld reiht sich Sedgewicks Geschichte über Männlichkeit nahtlos ein.

Vom autoritären Patriarchen zum lockeren Kumpeltyp: Auf rund 360 Seiten skizziert der US-Autor (»Coffeeland«), in welchem Ausmaß sich die Haltung zu Vaterschaft und Maskulinität im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Sedgewick, der an der City University of New York Geschichte und Amerikanistik lehrt, nähert sich dem Thema mit wissenschaftlicher Expertise und literarischer Feder, stets verknüpft mit seinem persönlichen Erfahrungshorizont als Sohn und Vater.

Für seine Fallstudie schöpft der promovierte Historiker aus einem Pool an Beispielen aus Philosophie, Adel, Wissenschaft, Politik und Kultur: von Aristoteles über König Heinrich VIII., von Charles Darwin über Thomas Jefferson und Ralph Waldo Emerson bis hin zu Sigmund Freud und Bob Dylan. Seine Auswahl liest sich wie das Who’s Who der Menschheitsgeschichte und ist ebenso vielfältig wie die Lebensläufe und Geisteshaltungen seiner Protagonisten selbst. Während sich Charles Darwin für seine evolutionsbiologischen Studien beispielsweise vom Verhältnis zu seinen Söhnen beeinflussen ließ, stilisierte sich Bob Dylan in den 1960ern zum Outlaw ohne familiäre Verwurzelung. Wohlgemerkt steckte dahinter mehr Kalkül als Realität. Schließlich wuchs die Folk-Ikone – heute selbst mehrfacher Vater und Großvater – wohlbehütet in einer Mittelschichtfamilie auf. Aus Image-Gründen verschwieg er diese biografische Fußnote allerdings lange Zeit.

Zugegeben, bei näherer Betrachtung halten weder Dylan noch seine im Buch erwähnten Geschlechtsgenossen dem Mythos der unfehlbaren Vaterfigur stand. Vielmehr zieht Sedgewick sie als Projektionsflächen heran, an denen sich Männlichkeitsbilder verschiedener Epochen exemplarisch aufzeigen lassen. An ihnen verhandelt er die Frage, was dieser Wandel für die Rolle des Vaters im 21. Jahrhundert bedeutet. So gelangt er zu der Auffassung: »Wir brauchen bessere, gemeinsam geteilte Geschichten über Vaterschaft – darüber, was Vaterschaft bedeutet und warum sie so wichtig ist –, auch wenn besser manchmal schlechter bedeutet.«

Statt passgenauer Antworten liefert der US-Autor ein anregendes Plädoyer für die Etablierung neuer Narrative über Vaterschaft. Welche das im Einzelnen sind, darüber schweigt sich Sedgewick aus und lässt Spielraum für Erzählungen, die ohne festen Rahmen auskommen.

Lisa Elsen


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