23.9. | Buch der Woche: Patrick Ryan • Buckeye
Ullstein • 656 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro
Foto: Fred Blair
20th Century Blues
»Buckeye« von Patrick Ryan ist eine doppelte Familienchronik in US-amerikanischer Erzähltradition, die dem Alltäglichen ein poetisches Antlitz verleiht. Die 650 Seiten sind schnell und leicht zu lesen.
Bonhomie bedeutet auf Deutsch so viel wie Leutseligkeit, und nicht zufällig heißt die Kleinstadt mitten in Ohio, in der der Großteil der Romanhandlung spielt, genau so. Buckeye wiederum ist der Name der Rosskastanie, seit 1953 offizieller Baum des Bundesstaates, und mit Begriffen wie Buckeye und Bonhomie lässt sich vortrefflich beschreiben, was Patrick Ryan mit seinem Personal im Sinn hat.
Die Handlung in diesem Apfelkuchen-Paradies beginnt so richtig im Mai 1945, als eine junge Frau namens Margaret Salt einem Eisenwarenhändler zur Feier der deutschen Kapitulation einen spontanen Kuss auf den Mund drückt. Für den 25-jährigen Cal Jenkins ist das ein bisschen so, als hätte jemand sein Leben, das bisher eher einem Schwarzweißfilm glich, plötzlich in Farbe getaucht. Wie üblich in dieser Gegend hat Cal früh geheiratet, wurde aber aufgrund eines verkürzten Beins vom Kriegsdienst befreit, weshalb er nun im Geschäft seines Schwiegervaters arbeiten muss. Margarets Mann wiederum kämpft im Pazifik und wird jeden Moment zurückerwartet. Das Leben, eben noch in vermeintlich ruhigen Bahnen verlaufend, wird sich dadurch auf die ein oder andere Art verändern – und mit ihm die gestern noch sicher geglaubten Gewissheiten.
Patrick Ryan, geboren 1965, ist bisher vor allem als Autor von Büchern in Erscheinung getreten, die sich an junge Erwachsene richten und mit der entsprechenden handlungsgetriebenen Erzählstruktur aufwarten. Die behält der US-Amerikaner auch auf den 656 Seiten von »Buckeye« bei, einem so weitschweifigen wie lesefreundlichen Roman, der sich ideal zur Urlaubslektüre eignet. Angeblich wurde der Schriftsteller von der Geschichte seiner Großmutter inspiriert, der es gelungen war, eine Liebesaffäre jahrzehntelang geheimzuhalten und damit den Beweis erbracht hat, dass unter der aufgeräumten Kleinstadtfassade wilde Herzen ihrem Willen folgen.
»Buckeye« erzählt über die Distanz von etwa fünfzig Jahren eine ähnliche Geschichte, die zwei Familien beinahe schicksalhaft miteinander verbindet. Der Stil orientiert sich an dem von John Irving oder von Anne Tyler und favorisiert das Melodramatische, das Menschliche und das Allzumenschliche. Der Roman wird von Waisen und Wahrsagerinnen bevölkert, von Frauen mit Ambitionen und Soldaten mit Gewissensbissen, von durchreisenden Scharlatanen und von Mädchen, die »zu einer echten Schönheit heranwachsen«. Das Sentimentale und das grundlegend Gutartige werden dabei von einer sanften Melancholie abgefedert, die im Rückblick bezeichnend wirkt. Bonhomie und seine Bewohner scheinen das Wunschbild eines anständigen Amerikas zu verkörpern, obwohl es möglicherweise bereits am Horizont verschwindet – ohne dass jemand genau weiß, warum. Der Erste Weltkrieg, dann der Zweite und schließlich der in Vietnam geben im Hintergrund den Takt der Geschichte vor, die drei Generationen von Männern und ihr Selbstverständnis als Bürger dieses Landes prägt und vor die Fragen stellt: Wofür lohnt es sich zu leben? Wofür lohnt es sich zu sterben?
Wenn die
USA nach wie vor »Ein Teenager von einem
Land« sind, dann beschreibt »Buckeye« die
damit einhergehenden Wachstumsschmerzen und die schleichende Erkenntnis, dass
nicht alles so ist, wie es scheint in diesem
turbulenten Zwanzigsten Jahrhundert.
Das Einzige, worauf sich Ryans Figuren
am Ende verlassen können, ist ihr eigenes
Menschenbild. Und das hat der Schriftsteller glücklicherweise so romanhaft möbliert,
dass viel von der Welt noch heile bleibt.

Patrick Ryan
Buckeye
Ullstein, 30. Juli • 656 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro
Markus Hockenbrink