Literatur

23.03. | Buch der Woche

Nora Bossong • Die Geschmeidigen

Ullstein

23.03. | Buch der Woche - Nora Bossong • Die Geschmeidigen

Kinder an der Macht

Nora Bossong hat mit Politikern, Autoren und Managern ihrer Generation über Lebenserfahrungen und den vermeintlich neuen Ernst des Lebens gesprochen.

Vielleicht ist dieses Buch ein Missverständnis. Vielleicht wollte es mal ein Roman werden, wie Florian Illies‘ „Generation Golf“. Das hätte angesichts der Absurditäten, die das Aufwachsen zwischen analoger und digitaler Welt so hervorbringt, sicher witzig werden können. Vor allem würde Bossongs Text dann nicht mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit aufschlagen, der hier sauer aufstößt. Denn dies ist kein Generationenporträt der zwischen 1975 und 1985 geborenen Kinder, die Herbert Grönemeyer nach Nato-Doppelbeschluss und vor Tschernobyl an die Macht singen wollte. Vielmehr ist „Die Geschmeidigen“ ein Porträt derjenigen aus dieser Generation, die es im neoliberalen, kapitalistischen Leistungssystem auf irgendeinen Führungsposten geschafft haben. Nach der Ära Merkel stehen sie nun politisch in der Verantwortung. Christian Lindner, Dorothee Bär, Lars Klingbeil, Omid Nouripour und Paul Ziemiak müssen – ob in Regierung oder Opposition – eine Zukunft gestalten, die mit Klimawandel, Populismus und globaler Gerechtigkeit vor enormen Herausforderungen steht. Mit ihnen hat Bossong im Frühjahr 2021 über aktuelle politische Fragen diskutiert.

Neben ihnen kommen Autoren wie Daniel Kehlmann und Christian Baron sowie die Kulturwissenschaftlerin Hana Gründler oder die Klimaexpertin Kathleen Mar zu Wort. Ihrer Generation unterstellt Bossong gleich zu Beginn Gleichgültigkeit und stimmt dem neuen SPD-Bundesvorsitzenden Lars Klingbeil zu, der seine Generation in einer Welt aufwachsen sah, „die keine Herausforderungen kannte. Kämpfen mussten wir in vielen Punkten nicht mehr.“ Von diesem Punkt aus denkt die in Berlin lebende Schriftstellerin im kollektiven Chor ihrer Gesprächspartner darüber nach, „woher wir kommen“, „wo wir stehen“ und „wonach wir greifen“. Dabei reist sie von der alten Bonner Republik in die global vernetzte Gegenwart, nimmt nationale Ereignisse wie internationale Entwicklungen in den Blick, um festzustellen, dass ihre Generation vom Ende und der Wiederaufnahme der Geschichte recht unberührt geblieben sei. Nora Bossong ist eine ebenso kluge wie sprachgewandte, europäisch bestens vernetzte wie politisch versierte Autorin. Ob Lyrik, Prosa oder Essayistik („Kreuzzug mit Hund“, „Schutzzone“, „Auch morgen“, „Rotlicht“) – ihre Texte bestechen durch sprachliche und analytische Präzision. Hier aber sind ihr zwei Dinge aus dem Blick geraten.

Zum einen lässt sie sich zu sehr von den Aussagen der Etablierten leiten, zum anderen geht sie zu wenig auf biografische Erlebnisse ein. Dabei wird es gerade dort spannend, etwa wenn Christian Baron über die Hartz-IV-Erfahrungen seines Bruders, Sawsan Chebli über die Demütigungen der Ausländerbehörde oder Katja Kipping über die Nachwendejahre aus Ostperspektive spricht. Die Brüche von Menschen aus prekären Verhältnissen sowie migrantisch oder ostdeutsch Sozialisierten finden kaum Berücksichtigung. Die hatten und haben aber oft bis heute zu kämpfen. Bossongs Buch ist eine Momentaufnahme der Kinder an der Macht am Ende der Merkel-Ära. Das Porträt einer Generation ist es nicht.

Nora Bossong
Die Geschmeidigen

Ullstein, 240 Seiten

Thomas Hummitzsch