Literatur

23.01. | Buch der Woche

Kent Haruf • Abendrot

23.01. | Buch der Woche - Kent Haruf • Abendrot

Kent Haruf

Abendrot

Diogenes • 23. Januar

Nach den Bestsellern „Unsere Seelen bei Nacht“ und „Lied der Weite“ erscheint mit „Abendrot“ der dritte Roman des gefeierten, 2014 verstorbenen US-Autors Kent Haruf.

Inmitten der Great Plains, irgendwo fern der Rocky Mountains, wo sich bis zum Horizont nichts als karge Steppe erstreckt, liegt das fiktive Städtchen Holt. Ein Ort, wie es ihn jenseits der Metropolen der USA zu Tausenden gibt – einige Farmen, wenig Industrie, kaum Jobs, keine Attraktionen und ein paar endlose schnurgerade Landstraßen, um wegzukommen, wenn man die Wahl hat. Und doch: Genau diese Monotonie, mit ihren typisch amerikanischen Holzbungalows, trostlosen Vorgärten und Trailerparks, wählte Haruf als Setting für seine sechs Romane, um von Menschen zu erzählen, die das harte Leben dort bewältigen. Kent Haruf, in den USA vielfach preisgekrönt, erlebte seinen internationalen Durchbruch nicht mehr. Dieser gelang ihm spätestens mit der Verfilmung des posthum veröffentlichten Romans „Unsere Seelen bei Nacht“, („Our Souls at Night“, 2015), mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen. „Abendrot“ („Eventide, 2004) spinnt mit einigen Jahren Abstand die Stränge von „Lied der Weite“ („Plainsong“, 1999) fort: Die McPheron-Brüder, zwei alte Viehzüchter, haben die blutjunge Mutter Victoria Roubideaux und ihr Baby bei sich aufgenommen; als sie wieder auszieht, leiden leiden die Brüder unter dem Abschied. Der elfjährige DJ, von anderen Kindern gemobbt, lebt allein mit seinem kranken, knurrigen Grandpa, den er mit rührender Hingabe versorgt. Luther und Betty, zwei Sozialfälle, die mit ihren beiden Kindern in einem Wohnmobil hausen, ringen im überfordernden Alltag um ihre schwindende Menschenwürde. Auf kunstvolle Weise werden all ihre Geschichten lose zu einem sozialen Netz verwoben, das zeigt: Kein Mensch ist eine Insel, nicht einmal an einem so abgeschiedenen, einsamen Ort wie Holt. Wie schon sein Vorgänger ist auch „Abendrot“ ein leises Buch. Es bietet kein großes Spektakel, keine großen Emotionen, sondern lässt seinen Figuren ungewohnt viel Zeit, lässt sie sein, atmen und sprechen – manchmal nur,um die Stille und die Leere zu übertönen und sich für kurze Zeit etwas weniger einsam zu fühlen. Harufs erzählerische Langsamkeit auszuhalten lohnt sich: Unter ihrem Brennglas treten Auslöser und Wirkung jedes einzelnen Schicksals umso wahrhaftiger zutage. Sichtbar werden lebendige, liebenswerte Charaktere – zu stolz, Hilfe anzunehmen, zugleich aber voller Hilfsbereitschaft. Viele von ihnen im schmerzhaften Prozess der Trennung und des Loslassens gefangen, aber anstatt im Unglück zu erstarren, schöpfen sie in der Gemeinschaft neue Hoffnung und finden auf ihren eigenen Weg zurück. Dass das Buch nie der Gefahr erliegt, in menschelnden Kitsch oder Pathos abzugleiten, verdankt es ohne Zweifel der unaufgeregten, fast einfachen, aber äußerst wirkungsvollen Sprache, mit der Kent Haruf den Leser durch die Handlung trägt. An keiner Stelle wertet oder urteilt er, sondern gewährt dem Leser Raum zum Einfühlen, Nachspüren. So bleibt am Ende der Lektüre das Bewusstsein, abseits der übermächtigen Polit-Lautsprecher mit dem Bild eines besseren, hoffnungsvolleren, bescheidenen Amerikas beschenkt worden zu sein.

Hendrik Heisterberg