21.2. | Album der Woche: Ásgeir • Julia

Embassy of Music

21.2. | Album der Woche - Ásgeir • Julia
Foto: Einar Egils

Dem Zweifel getrotzt

Obwohl »Julia« bereits Ásgeirs fünftes Studioalbum ist, betritt der Isländer mit diesem Werk Neuland: Die Lyrics stammen erstmals aus seiner eigenen Feder.

Ásgeir, Ihr neues Album heißt »Julia«. Können Sie uns die Dame vorstellen?

Julia ist eine folkloristische Figur, um sie ranken sich einige Geistergeschichten. Der Text ist davon inspiriert, aber für mich steht »Julia« für etwas anderes. Ich habe zwei innere Stimmen in mir, eine teuflische und eine gute, die ich als feminin wahrnehme. Das ist für mich Julia. Sie schrieben erstmalig die Songtexte selbst.

Auf Englisch oder Isländisch?

Auf Englisch. Es fällt mir leichter, mich zu öffnen und über Persönliches zu schreiben, weil die Fremdsprache wie ein Distanzhalter funk- tioniert. Hinzu kommt, dass mein Vater Dichter ist und ich mich, würde ich auf Isländisch schreiben, immer mit ihm vergleichen würde.

Was war die größte Herausforderung beim Schreiben?

Meine Stimme zu finden und mich von meiner verletzlichen Seite zu zeigen. Dieser Prozess ist für Menschen unnatürlich. Man setzt sich nicht hin und versucht, sein Innerstes nach außen zu kehren. Deshalb fühlte sich die Arbeit an diesem Album auch so therapeutisch an. Ich wollte nicht an der Oberfläche bleiben. Nur durch Tiefe schafft man es, die Menschen wirklich zu erreichen. Außerdem neige ich dazu, viel zu zweifeln – das hat dieses Mal statt der Musik hauptsächlich die Texte betroffen.

Fühlte sich das Schreiben der Songtexte wie eine Befreiung oder eine zusätzliche Last an?

Definitiv wie eine Befreiung. Es fühlt sich vollkommener an, in der Lage zu sein, sowohl Musik als auch Texte selbst zu verfassen. Wenn man Lyrics von anderen bekommt oder übersetzt, geht immer ein kleines Stück verloren oder die Botschaft ändert sich minimal.

Wie gehen Sie mit Erwartungen um?

Mir ist es früher oft passiert, dass Menschen mir künstlerische Ratschläge geben wollten. Da verliert man schnell aus den Augen, was man möchte. Heute sind mir die Meinungen anderer egal und ich genieße es, mich frei entfalten zu können. Obwohl ich mich auch selbst daran erinnern muss, mich nicht in eine Schublade zu stecken! Es gibt verschiedene Versionen von mir und alle haben ihre Daseinsberechtigung.

Haben Sie eine Lieblingsversion?

Ja, wenn ich hier zu Hause bin, meinen Rou- tinen nachgehen kann und nicht jede Nacht in einem anderen Bett schlafe.

Und eine, die Sie gar nicht mögen?

Wahrscheinlich mein hungriges Ich. Eben habe ich meine Freundin abgeholt und hatte noch nichts gegessen. Sie war ein bisschen zu spät und solche Kleinigkeiten irritieren mich sehr, wenn ich Hunger habe. (lacht)


Asgeir - Julia

Ásgeir
Julia
Embassy of Music • 13. Februar

Zu oft erwartet einen Schlimmes, wenn Künstler sich laut eigener Aussage von allen Erwartungen befreit haben und endlich nur noch machen, was ihr kreatives Herz begehrt. Zum Glück ist das bei Ásgeir offensichtlich genau das, wofür man den Isländer liebt. Stilvoll arrangierter Folk-Pop, der an kalten Tagen für ein bisschen Wärme und Geborgenheit sorgt. Der Opener »Quiet Life« liefert den perfekten Eindruck, wohin die Reise geht. Eine leichtfüßige Introspektive, die trotz Streichereinsätzen nicht aufbauscht, sondern die Schönheit des Subtilen zelebriert. Die elektronischen Einflüsse, die auf den letzten Alben eine größere Rolle spielten, sucht man auf »Julia« weitestgehend vergebens. Stattdessen setzt Ásgeir auf organischen Minimalismus und lässt dank seines Gespürs für Instrumentierung damit überhaupt nichts vermissen.

Katharina Raskob


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