21.11. | Album der Woche: Till Brönner • Italia

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21.11. | Album der Woche - Till Brönner • Italia
Foto: earMUSIC | Joel Heyd

Verflossene Liebe

Deutschlands bekanntester Jazztrompeter kehrt mit seinem neuen Album »Italia« zu den Wurzeln seiner Kindheit zurück. Dabei ist Italien für Till Brönner viel mehr als ein Sehnsuchtsort.

Till Brönner, Sie eröffnen »Italia« mit »Estate« – einem Stück, das als einziger italienischer Beitrag zum US-amerikanischen Real Book des Jazz gilt.

Bruno Martino hat mit dem Originalsong erst über Umwege Erfolg gehabt. Er hat sich dann aber zu so etwas wie einer heimlichen Nationalhymne Italiens entwickelt. Spannend ist, dass sich das Lied in so viele Stilrichtungen und Länder eingearbeitet hat. Es vermittelt dieses spätsommerliche, vielleicht sogar drückend- schwüle Gefühl des Landes. Das schaffen nur wenige Songs.

»Quando Quando Quando« ist ebenfalls ein Welthit, wird aber ganz anders eingeordnet.

»Quando Quando Quando« wird mit mehr Unterhaltungswert und weniger Tiefgang verbunden. Er verkörpert die deutsche Sehnsucht nach Leichtigkeit und Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben lange diskutiert, ob der Titel auf das Album soll. Am Ende haben wir eine Version gefunden, die sich in die Tradition zwischen Deutschland und Italien einfügt.

Sie lebten als Kind in Rom. Was haben Sie musikalisch mitgenommen?

Auch wenn ich als Kind eher mit Kinderliedern vertraut war, nahm ich wahr, was meine Eltern hörten und was beispielsweise in Bars lief. Schon damals deutete sich Italo-Disco an. Italien hat sich am Sound der Welt orientiert und zugleich Impulse gegeben. Darauf sind die Italiener stolz.

Diese Verbindung von Kultur und Hedonismus – unterscheidet das Italien von Deutschland?

Die Italiener leben die Leichtigkeit ihrer Mentalität – semplicità. Deutsche Tugenden wie Ernsthaftigkeit und Detailverliebtheit führen international zu Respekt, fliegen uns heute aber oft um die Ohren. Wir heften uns Fleißkärtchen an, die niemand bestellt hat. Während Italiener ihre DNA selbstbewusst pflegen, wirkt Deutschland wie im Dornröschenschlaf. Ich frage mich oft: Was muss passieren, um unsere Stärken wiederzuerwecken?

Wie war es für Sie, erstmals auf Italienisch zu singen?

Es war schön. Das Italienisch aus meiner Kindheit war natürlich verkümmert und deswegen war es mir ein großer Ansporn, mich an die sprachliche und klangliche Seite wieder mit der gleichen Ungezwungenheit heranzuwagen wie früher. Am Ende ist es mir leichter gefallen, als ich gedacht habe.

Können Sie sich vorstellen, wieder in Rom zu leben?

Ja, eindeutig. Es ist wie eine verflossene Liebe, zu der man zurückkehrt. Ich war Stipendiat der Villa Massimo, in deren Nähe ich als Kind aufgewachsen bin. Dorthin zurückzukehren war wie auf den Spuren meiner Kindheit zu wandeln. In diesem Viertel konnte ich eintauchen ins alltägliche Leben. Beeindruckend war für mich immer, wie italienische Mütter sich selbst für den Marktbesuch herrichten – das hat etwas sehr Würdevolles und zeigt Respekt vor sich selbst und anderen. In Deutschland suchen wir ständig nach Problemen. Acht von zehn Leuten sagen sofort, warum etwas nicht klappt. In Italien ist es umgekehrt.

Das bremst uns manchmal aus.

Genau. Dafür sind wir Deutschen berühmt als Bedenkenträger, wenn Bedenken angebracht sind. Wir riechen oft zuerst, wo es Probleme geben könnte. Aber es ist eben dieses große hausgemachte Fleißkärtchen, das uns hemmt. Wir sind oft langsamer, weil wir etwas entweder gar nicht machen – oder andere schneller sind. Das entspricht einer Art sorgsamer Schwere, die aber nicht überhandnehmen darf. In der Medizin ist man dankbar für einen Arzt, der Sorgfalt und Liebe zum Detail beweist. In Sachen Präsentation gibt es in Deutschland leider Abzüge in der B-Note.

Wie reagiert man in Italien auf das Album?

Nach bisherigen Gesprächen gibt es eine positive Verwunderung über die Songauswahl, über Titel, die man von einem Deutschen nicht erwartet hätte. Man hat registriert, dass wir mit der Tracklist in die Seele dieses Landes vordringen wollten. Es gibt große Anerkennung für die Playlist, weil man sich mit ihr identifiziert. »Volare« oder »O sole mio« wären erwartbar gewesen. Aber ins Herz und in die Seele einzutauchen, zu den Liedermachern vorzudringen, die den Italienern selbst etwas über sich erzählt haben – und das aus deutscher Sicht –, das interessiert die italienischen Gesprächspartner besonders.


Cover Till Brönner

Till Brönner
Italia
earMUSIC • 5. September

Dass Till Brönner sein neues Album »Italia« im Spätsommer veröffentlicht, macht Sinn: Die Sehnsucht nach wärmeren Tagen und einem unbeschwerten Lebensgefühl, das man gemeinhin mit Italien verbindet, sind allgegenwärtig. Die Interpretation von vermeintlichen Stereotypen, etwa »Quando Quando Quando«, haben in der Hommage des Jazz-Stars genauso Platz wie Deep Cuts und Italiens großer Jazz- Standard. Dabei bleibt Brönner zugänglich und dem Schönklang verhaftet. Passt perfekt in jede Lounge – und macht Lust auf adriatisches Klima.

Markus Brandstetter


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