21.1. | Buch der Woche: Helga Schubert • Luft zum Leben
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Erst mit 80 Jahren, als sie 2020 den Bachmann-Preis bekam, erhielt Helga Schubert als Autorin die Anerkennung, die sie verdient. Schon 1980 war sie nach Klagenfurt eingeladen worden, erhielt damals aber keine Ausreisegenehmigung aus der DDR. Die Auszeichnung war eine späte Genugtuung und gab ihr den zweiten Atem.
»Luft zum Leben« heißt ihr neues Buch, das knapp 40 Erzählungen, Aufsätze und sogar eine WhatsApp-Nachricht aus 60 Jahren versammelt. Etwa die Hälfte davon war bisher unveröffentlicht. Die drei Geschichten können wiederentdeckt werden, die Anfang der 1970er Jahre durch die Zensur fielen und dazu führten, dass Schuberts zweites Buch »Das verbotene Zimmer« zunächst nur im Westen erscheinen durfte.
Außerdem das eindrucksvolle Porträt der Primaballerina Galina Ulanowa, die auf der Bühne so viel geliebt hat, dass für ihr Leben nicht viel übriggeblieben ist. Aber auch neue Texte enthält der Band, so wie den Vortrag »Die Diktatur ist die Täterin. Oder?«, in dem Helga Schubert erzählt, wie der Stasi-Offizier, der sie 14 Jahre lang observieren ließ, sie nach der Wende treffen und ihr persönlich seine Reue beteuern will.
Zusammen gelesen ergeben die fein abgestimmten Texte die Bilanz eines bewegten Lebens. Aus allen spricht die Menschenkenntnis der lange als Psychotherapeutin tätigen Helga Schubert, sowie eine existenzialistische Wucht, wie sie typisch ist für diese Generation, die Krieg und Flucht überlebt hat und auf die menschlichen Grundbedürfnisse zurückgeworfen wurde.
Welf Grombacher