21.08. | Album der Woche: Lambchop • Punching The Clown

City Slang

21.08. | Album der Woche - Lambchop • Punching The Clown
Foto: Graham Tolbert

„Die besten Songwriter leben komplizierte Leben“

Lampchop-Chef Kurt Wagner ist dafür bekannt, seine Band mit jedem Album neu zu erfinden. Der Ansatz beim aktuellen Album »Punching The Clown« war es, von den Besten zu lernen, mehr denn je in die Songwriter-Arbeit zu investieren und eine uralte Form des Gesangs neu zu beleben.

Kurt Wagner, »Punching The Clown« ist das 17. Album von Lambchop. Was macht diese Platte besonders?

Sie ist eine Art musikalische Reinkarnation. Ich bin zu einer Methode zurückgekehrt, mit der ich vor vielen Jahren angefangen habe. Es ging mir in erster Linie darum, möglichst gute Songs zu schreiben.

Ist das nicht immer das Ziel?

Doch, aber dieses Mal habe ich keine Mühen gescheut, es zu erreichen. Bei einigen Alben zu vor habe ich mehr Energie in die Arrangements oder in den Zusammenhalt einer großen Band eingebracht. Jetzt war das Leitmotiv: Ich will die bestmöglichen Songs haben.

Wie verbessert man sein Songwriting?

Ich habe mir viele großartige Songwriter an gehört, um von ihnen zu lernen. Was bewegt mich an diesem Song wirklich? Was beeindruckt mich? Diese Fragen stellte ich mir.

Was war denn das Ergebnis Ihrer Forschung, also was bewegt Sie an einem Song?

Ich könnte eine Reihe von Aspekten nennen, aber eine wichtige Sache ist die Aufrichtig keit eines Songwriters. Ich habe auch viele Biografien von den Songwritern gelesen, von Bob Dylan, Joni Mitchell und so weiter, und es stimmt leider: Die besten Songwriter leben komplizierte Leben mit allerlei Schwierigkeiten. Wobei in den besten Liedern eben eine echte Wahrheit und Offenheit steckt.

Viele Musiker sagen, sie hören, wenn sie selbst Songs schreiben oder aufnehmen, überhaupt keine Musik, um sich in diesem Moment der Kreativität nicht beeinflussen zu lassen. Warum ist das bei Ihnen anders?

Weil mich das Hören von den Songs der ande ren positiv bestärkt. Wenn ich durch das Hören der Musik und das Lesen der Biografie Verbin dungslinien zwischen ihrem Leben und ihrem künstlerischen Werk entdecke, dann weiß ich, wo ich bei mir selbst suchen muss, um etwas ähnlich Wahrhaftiges schreiben zu können.

Es gibt einen sehr interessanten Einfluss auf vielen Liedern des Albums – eine alte kirchliche Form des Gemeinde-Gesangs namens »Lining out«. Wie sind Sie darauf gestoßen?

Ich war mit dem Auto unterwegs, das Radio lief und ich hörte einen sehr alten und einfach gestrickten Song. Ein Banjospieler wiederholte immer den gleichen Akkord, dazu sangen ein paar Stimmen eine Melodie. Es war eine sehr eigenwillige Mischung aus Folk, Country und Gospel. Ich versuchte herauszufinden, was für ein Song das war. Das gelang mir zwar nicht, aber ich kam der Art der Musik auf die Spur, der Liedform des »Lining out«.

Was steckt dahinter?

Entwickelt wurde sie in Kirchen auf dem Land in England und Schottland im 17. Jahrhundert. Viele Mitglieder der Gemeinden konnten noch nicht lesen, sodass Gebetbücher keinen Sinn machten. Daher gab es in diesen Kirchen so genannte Clerks – Vorsänger, die einen Vers vorsangen, der von der Gemeinde wiederholt wurde. Als später viele Menschen aus Groß britannien nach Amerika siedelten, nahmen sie diesen Gesang mit. Als ich das recherchiert hatte, wusste ich, dass das Album eine klare Besetzung haben muss: ein Banjo, einen Chor, mein Gesang, ein wenig Gitarre – mehr nicht.

Das Banjo spielt ein sehr prominenter Kollege, Justin Vernon von Bon Iver.

Ja, als ich bei der Planung der Platte hörte, dass er gerade Banjo übt, war die Besetzung für mich klar. Zumal ich das Banjo als Instrument eigentlich gar nicht so sehr mag

Warum nicht?

Weil es hinterwäldlerisch klingt. (lacht) Umso besser war es, das Banjo von einem Anfänger einspielen zu lassen, der darüber hinaus einer der besten Musiker ist, die ich kenne. Eine Traumbesetzung.

Bleibt noch die Frage: Wer ist denn der Clown, dem im Titel des Albums Schläge drohen?

Er ist inspiriert von einer fiktiven Film-Bio grafie des Singer-Songwriters Henry Phillips, der sich als Comedian und Sänger sieht und versucht, beides mit seiner Kunst zu verbinden. Wobei die Leute ihn immer missverstehen: Sie halten das Traurige für lustig und das Lustige für traurig. Das macht ihn fertig, und in dieser Geschichte habe ich mich wiedergefunden.


Lambchop - Punching The Clown Album Cover

LAMBCHOP
Punching The Clown
City Slang, 21. Juli

Seit der Gründung von Lambchop vor 40 Jahren bemüht sich Bandchef Kurt Wagner, eine Art von Country- und Singer-Songwriter-Musik zu entwickeln, die sich von den vielen anderen Platten dieser Genres unterscheidet. Es gibt Lambchop Platten, die nach Soul klingen, zuletzt experimentierte er mit Stimm-Manipulationen. »Punching The Clown« klingt reduzierter: Wagner erzählt mit seiner einmaligen Stimme Geschichten über seltsame Orte und Menschen, begleitet wird er von Indie-Weltstar Justin Vernon von Bon Iver am Banjo sowie von zwei Chören, die den Songs eine große Emotionalität verleihen. Besonders gelungen ist das Stück »No Chicago«: Wagner
und Chor zählen darin Tour-Stationen auf – darunter Karlsruhe –, um am Ende festzustellen, dass Chicago fehlt. Ein Beweis dafür, dass Wagner auch ein Telefonbuch vorsingen könnte, es käme dennoch unnachahmliche Musik dabei heraus.

André Bosse


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