Musik

21.06. | Album der Woche

L' Aupaire • Reframing

21.06. | Album der Woche - L' Aupaire • Reframing

Laupaire© Sebastian Berthold

L’AUPAIRE

Reframing

Vertigo / Universal • 21. Juni

Mit seinem Debüt wurde L’aupaire als der deutsche Bob Dylan oder Tom Waits gehandelt. Die letzten Jahre war es jedoch still um den Folkpop-Musiker. L’aupaire fühlte sich ausgebrannt und sah sich gezwungen, der Musik vorerst den Rücken zu kehren und sich zurückzuziehen. Was ihm zunächst wie der Weltuntergang erschien, entpuppte sich jedoch schnell als die einzig richtige Entscheidung.

Das verflixte zweite Album – würden Sie das in Bezug auf » Reframing « auch unterschreiben?

In meinem Fall nicht. Es war entspannter, weil ich beim ersten Album mein ganzes Leben als Input genutzt habe und beim zweiten lediglich ein paar Jahre. Außerdem wusste ich endlich, wer ich bin, musste nicht erst ausprobieren und suchen. Ich habe meinen Sound gefunden.

Und dafür haben Sie sich mit » Reframing « drei Jahre Zeit gelassen. Woher hatten Sie das Selbstvertrauen, sich diese Ruhe zu gönnen?

Ich würde das nicht als Selbstvertrauen bezeichnen, das war einfach nötig. Nach teilweise über 100 Shows pro Jahr habe ich Ende 2016 festgestellt: es geht nicht mehr. Die Pause tat mir extrem gut und brachte mich an neue Orte. Ich habe mich mit vielen anderen Dingen beschäftigt, zum Beispiel der Malerei, habe gekocht und im Garten gearbeitet. Ich bin Vater geworden. Diese Entspannung hat mir wieder sehr viel Energie und Lust auf die Musik gegeben. In zwei Wochen gehe ich erneut auf Tour und bin so euphorisch, als wäre es meine erste. Der Begriff » Pause « sollte also nicht so negativ konnotiert sein.

Denken Sie, diese Wahrnehmung ist unserer derzeitigen Gesellschaft geschuldet?

Auf jeden Fall. Die Leistungsgesellschaft, die wir selbst konstruiert haben, hat natürlich auch Vorteile. Aber dieser globale, digitale Charakter verursacht auch zusätzlichen Druck. Ständig vergleicht man sich und denkt: » Die anderen machen so viel, ich mache nichts. « Häufig stressen wir uns selbst am meisten. Aber wenn man sich große Karrieren von Künstlern, die ich bewundere, anschaut, sieht man immer wieder Pausen. Bob Dylan beispielsweise hat viele Jahre im Off gelebt. Ich finde, man sollte eher langfristig denken und sich auch mal eine Pause gönnen, wenn man eine braucht, anstatt immer weiter zu hetzen.

» Reframing « ist ein Begriff aus der Systemischen Therapie, bei dem es darum geht, eine Situation umzudeuten und ihr dadurch eine andere Bedeutung zu geben. Ist diese Parallele gewollt?

Ja, die habe ich ganz bewusst gewählt. Ich habe mich intensiv mit diesem Konzept auseinandergesetzt, weil ich den Ansatz sehr spannend finde. In dem Song » Whole Wild World « beschreiben Sie eine Zeit, in der Sie an einem persönlichen Tiefpunkt angekommen waren.

Hat dieser Ansatz Ihnen geholfen, diesen zu überwinden?

Ja, sehr. Ich habe mich ausgebrannt gefühlt. Wie ein Fußballer, der sich verletzt hat, weil er zu viele Spiele gemacht hat. Als ich mich entschieden hatte, eine Pause einzulegen, bekam ich erst mal Angst und das Gefühl, dass wenn ich jetzt nicht weitermache, eine Welt zusammenbrechen würde. Um da rauszukommen, muss man viele Kämpfe mit sich selbst ausfechten, bis man merkt, was einem in diesem Moment guttut. Bei mir war das die Pause. Und genau das ist » Reframing «. Am Anfang fühlt es sich wie etwas Negatives an und am Ende merkt man, dass es eigentlich etwas Positives ist. In dem Wort » Tiefpunkt « steckt ja beispielsweise auch » in die Tiefe gehen «. Und in der Tiefe zu suchen birgt viele neue Optionen und Möglichkeiten. Aber man muss sich eben eine gewisse Zeit einräumen, um seine Muster zu durchbrechen und sich neu zu finden.

In der Single » Goldrush « lautet der Refrain: » I’m running from the goldrush «. Sollten Sie nicht lieber in die andere Richtung laufen?

Eben nicht. » Goldrush « ist als Konsumkritik zu verstehen. Ich bin jetzt 30. Ich bin Vater geworden und das hat etwas an meiner Einstellung verändert: Ich habe seitdem ein ganz anderes Verantwortungsgefühl. Plötzlich wacht man aus den Zwanzigern auf, in denen man vor allem auf sich selbst fokussiert war. Ich möchte nicht sagen, dass ich schlecht gelebt oder mich total danebenbenommen habe. Aber ich verspüre jetzt ein dringlicheres Verantwortungsbewusstsein für die Welt und denke, dass es Zeit ist, wieder mehr Demut zu empfinden und sich politisch aktiver zu äußern, weil es zu viele Dinge gibt, die falsch laufen. » Goldrush « ist der Wolf im Schafspelz. Der Song klingt nach einem Gute-Laune-Lied, aber wer genau hinhört, der entdeckt die Message. Interview: Katharina Raskob