21.05. | Buch der Woche: Torsten Körner • Wir waren Heldinnen
Kiepenheuer & Witsch
Kampf auf dem Platz
Der Autor und Filmemacher Torsten Körner setzt in seinem Buch »Wir waren Heldinnen« den Pionierinnen des Frauenfußballs in Deutschland ein Denkmal – und blickt in eine unrühmliche Zeit der Sportgeschichte.
Torsten Körner, in den 70ern und 80ern haben Sie selbst Fußball gespielt, aber für die Damenmannschaft Ihres Vereins hatten Sie keinen Blick– so wie viele Jungs und Männer. Wie ist Ihr Interesse für den Fußball der Frauen erwacht?
Zum einen durch meine Kinder, die selbst Interesse am Frauenfußball haben und nicht mit solchen Blickschranken aufgewachsen sind wie ich. Was mich außerdem weitergebracht hat, war ein Selbstaufklärungsprozess als Mann – das soll es ja auch geben. Und nicht zuletzt habe ich in den vergangenen Jahren mehrere Dokumentationen über Frauen in der Geschichte gedreht, auch das führte zur Beschäftigung mit dem Frauenfußball.
»Wir waren Heldinnen« handelt von Pionierinnen des Fußballs der Frauen in Deutschland, die ihren Platz in der »Hall of Fame« neben Beckenbauer oder Rahn haben. Trotzdem kennt selbst eine Fußballerin wie Alexandra Popp sie heute nicht. Wie ist das zu erklären?
Im Gegensatz zum Männerfußball gibt es im Frauenfußball keine Traditionsketten und keine geschlossene mediale Überlieferung. Im Männerbereich ist vom ersten Bundesliga-Spieltag 1963 bis heute alles lückenlos dokumentiert. Das erste Länderspiel der Frauen, das live übertragen wurde, war ein Spiel während der Europameisterschaft in Deutschland 1989. Das Finale in Osnabrück, das die Deutschen gewannen, war wiederum nicht im Fernsehen zu sehen, warum auch immer. Dabei wäre es für die Generation Popp extrem wichtig zu wissen, auf wessen Schultern sie steht. Gerade im Sport braucht es Vorbilder.
Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?
Ich habe parallel zu der Arbeit an dem Buch einen Dokumentarfilm gedreht, »Mädchen können kein Fußball spielen«, der im Sommer parallel zur EM der Frauen in der ARD läuft. Das hat mir den Zugang zu den Archiven der öffentlich-rechtlichen Sender ermöglicht, wodurch ich an die wenigen Medienbilder gekommen bin, die es gibt. Daraus ergaben sich Hinweise auf die Protagonistinnen in den 50er, 60er und 70er-Jahren.
Sie porträtieren Spielerinnen wie Christa Kleinhans, Anne Trabant-Haarbach oder Bärbel Wohlleben, die in den 50ern zum Fußball kamen – was macht sie zu Heldinnen?
Gerade die Generation von Christa Kleinhans und Bärbel Wohlleben hat wahnsinnig viel für die Gleichberechtigung der Geschlechter in Deutschland getan. Diese Frauen haben eine Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht noch illiberal war, freiheitlicher gemacht, indem sie sich nicht vorschreiben ließen, was sie zu tun oder zu lassen hatten. Die Pionierinnen mussten ihre Spiele oft gegen große Widerstände organisieren. Es gab keine Plätze, weil der DFB ein Frauenfußballverbot erlassen und es den Vereinen untersagt hatte, Felder zur Verfügung zu stellen. Und wenn die Frauen mal einen Platz gefunden hatten, wurden sie nicht selten vertrieben oder beschimpft. Männer dagegen haben den Fußball immer als etwas Selbstverständliches genossen.
Das DFB-Fußballverbot für Frauen bestand von 1955 bis 1970, die Begründungen waren abenteuerlich. »Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut«, hieß es zum Beispiel. Was steckte wirklich dahinter?
Die Herren des DFB glaubten zum Teil an solche Begründungen. Die Gesellschaft war damals nicht sehr aufgeklärt. Es wurden gesundheitliche Gründe angeführt: Die Frau könne in ihrer Gebärfähigkeit beeinträchtigt werden, die Brüste der Frauen müssten geschützt werden. Die DFB-Funktionäre der 50er waren in den Jahren des Nationalsozialismus oder davor sozialisiert worden, entsprechend altbackene Rollenbilder brachten sie mit: Die Frau gehört hinter den Herd, sie hat allenfalls rhythmische Sportgymnastik zu machen. Der Fußball war ein Reich für den Mann, wo er Kind sein konnte, Gefühle zeigen durfte – das wollte er auf keinen Fall mit der Frau teilen.
Ihr Buch ist auch ein Zeitgeistporträt der Adenau-er-Ära mit ihren patriarchalen Verkrustungen und Nazi-Rückständen. Wie hat das den Fußball in Deutschland beeinflusst?
Der Triumph der Männernationalelf von 1954, das sogenannte »Wunder von Bern«, passte so gut in die Adenauer-Ära, weil diese Spieler fast alle im Krieg gewesen waren. Sepp Herberger war unter Hitler Reichstrainer. Jetzt hatten diese soldatischen Fußballer eine Schlacht gewonnen, die man auch gewinnen durfte, das Gefühl war: »Wir sind wieder wer«. Während das Land noch in Trümmern lag, war der Fußball ein Männergenesungswerk – eine Rehabilitationsstätte für den Mann und sein angeschlagenes Selbstbewusstsein. Die Frauen sollten zuschauen.
Sie wollten aber selbst spielen ...
Viele der Pionierinnen wurden als Mädchen ebenfalls vor dem Fernseher oder Radiogerät durch den Erfolg von 1954 entflammt, begeistert durch diese kollektive Freude. So hatten sie ihre Eltern noch nie erlebt: Die Männer hatten Tränen in den Augen, die Erwachsenen lagen sich in den Armen. Daran wollten auch die Mädchen teilhaben
Sie werfen im Buch die Frage auf: Wären auch Heldinnen von Bern denkbar gewesen?
Ich bin bei der Recherche im Internet auf einen über 20 Jahre alten Text von mir gestoßen, den ich schon vergessen hatte. Darin geht es um Männer, die sich an das Endspiel von Bern erinnern. Das hat mir bewusst gemacht, wie dieser Prozess der Ausblendung von Frauen funktioniert. Mit meinem männlichen Fußballblick habe ich einfach an tradierte Erinnerungsketten angeschlossen und nur Männer als Zeitzeugen befragt. Ich kam gar nicht auf den Gedanken, ob auch Frauen hätten begeistert sein können.
Es gab auch in den 50ern schon Väter, die ihre Töchter zum Fußball ermunterten. Nicht alles lässt sich auf den Zeitgeist schieben.
Ich finde es oft scheinheilig, wenn jüngere Generationen ältere Generationen beckmessern, aus der Warte einer vermeintlich aufgeklärten Gegenwart. Wenn man die Maßstäbe zur Beurteilung der Vergangenheit in der Vergangenheit selbst findet, sieht die Sache anders aus. Es gab immer wieder Männer, die den Frauenfußball gefördert und die Frauen in diesem Prozess der Emanzipation unterstützt haben.
Trotz des Fußballverbots gab es sogar eine inoffizielle Nationalelf der Frauen, die Spiele vor Tausenden Zuschauern austrug, überwiegend Männer. Was trieb die ins Stadion?
Nach dem, was mir die Zeitzeuginnen erzählt haben und was ich den Presseberichten entnehmen konnte, war das Interesse der Männer erst mal ein voyeuristisches. Die Männer kamen, um sich lustig zu machen. Unterschwellig liest man heraus: Sie wollten die Frauen als Sexobjekte sehen. Tatsächlich sind viele Zuschauer mit Feldstechern oder Operngläsern gekommen, um die Spielerinnen genau in den Blick zu nehmen. Das ließ nach, als die Männer merkten, dass die Frauen Fußball spielen konnten. Die Pionierinnen haben auch deshalb Respekt verdient, weil sie diesen sexualisierten Blick entkräftet haben, der die gesamte Sportberichterstattung durchzog.
In der DDR war der Frauenfußball nicht verboten – wurde er mehr gefördert als im Westen
Die DDR war ja ein Staat, der sich stärker als die Bundesrepublik die Gleichberechtigung der Frau auf die Fahnen schrieb, auch weil man die Frauen im sozialistischen Arbeitsprozess brauchte. Allerdings wurde Fußball in die Sparte Breitensport abgeschoben. Die DDR war als System stark auf Spitzensport ausgerichtet, auf Olympische Spiele, auf Weltmeisterschaften, wo man Medaillen erringen konnte. Und weil der Frauenfußball in den Betrieben angesiedelt war – wie der Fußball der Männer auch – spielten die Frauen dort stets die zweite oder dritte Geige hinter der jeweiligen Männermannschaft.
Bedeutete die Aufhebung des Fußballverbots durch den DFB 1970 einen Wendepunkt?
Spielerinnen wie Bärbel Wohlleben oder Anne Trabant-Haarbach waren damals einerseits glücklich und erleichtert. Andererseits hat der DFB Sonderregeln für den Frauenfußball eingeführt: Die Frauen spielten mit kleinerem Ball, die Spiele durften nicht bei schlechtem Wetter stattfinden, die Spielzeit war kürzer als bei den Männern. Es war kein gleichberechtigtes Spiel. Diese Liberalisierung durch den DFB war eine nachholende Geste, die Gesellschaft war zu diesem Zeitpunkt viel weiter. Und es hat noch bis 1974 gedauert, bis es die erste vom DFB anerkannte Meisterschaft im Frauenfußball gab. Der DFB läuft ja auch heute noch der Zeit hinterher
Als die Frauen 1989 die Europameisterschaft in Osnabrück gewannen, bekamen sie als Prämie ein 41-teiliges Tafelservice. Klingt absurd. Wo stehen wir heute in Sachen Gleichberechtigung?
Wir sind ein ganzes Stück weitergekommen. Jedes Mädchen, das Fußball spielen will, findet heute Anschluss an Mannschaften in seinem Alter. Die Frauen spielen mittlerweile mit genauso großen Bällen wie die Männer, es gibt Schiedsrichterinnen, Sportmoderatorinnen, Kamerafrauen, Fotografinnen. Insgesamt hat sich der Fußball diversifiziert und ist weiblicher geworden. Auch der Prozess der Professionalisierung – die Steigerung von Fernsehzeiten, die bessere Entlohnung von Spielerinnen – ist auf dem Weg. Was wunderbar wäre: wenn wir endlich mal eine Frau als DFB-Präsidentin begrüßen könnten.
Torsten Körner
Wir waren Heldinnen – Wie Frauen den Fußball eroberten
Kiepenheuer & Witsch / 336 Seiten / 24,00 €
Patrick Wildermann