20.5. | Buch der Woche: Esther Schüttpelz • Grüne Welle

Diogenes

20.5. | Buch der Woche - Esther Schüttpelz • Grüne Welle

In ihrem Roman »Grüne Welle« erzählt Esther Schüttpelz von einer nächtlichen Irrfahrt, die zunehmend ins Innere führt. Je nach Uhrzeit kann man kaum anders, als sich selbst in der Hauptfigur zu erkennen.

Etwas Ähnliches ist wohl jedem schon einmal passiert, der mehr oder weniger regelmäßig mit dem Auto unterwegs ist: Die Autobahnauffahrt ist gesperrt, eine Umleitung gelb ausgeschildert. Weil es Nacht ist und die Gegend unbekannt, landet man irgendwann auf einer langen Landstraße mit dem immer bestimmteren Gefühl, sich verfahren zu haben. Und wenn man dann noch, so wie die Frau in »Grüne Welle«, ohne Navigationssystem und funktionierendes Mobiltelefon unterwegs ist, kann man es irgendwann mit der Angst zu tun bekommen, draußen im Nirgendwo, an einer roten Ampel, die für niemanden blinkt.

Den Entschluss, einfach immer weiter zu fahren, trifft die Frau, die sich ab einer bestimmten Stelle Amy nennt, eher intuitiv. Wenn ihr Mann sich zu Hause Sorgen macht, wird sie sich eben später bei ihm entschuldigen. Wenn das Benzin zur Neige gehen sollte, wird sich irgendwann eben eine Tankstelle finden. Und überhaupt: Führt nicht jede Straße an irgendein Ziel? Ist das nicht sogar die Definition einer Straße? Die Frau schaltet das Autoradio aus und das Gedankenkarussell an. Und liefert sich einem inneren Monolog mit existenzialistischen Tendenzen aus.

Das Auto wird zur Zeitmaschine, die dunkle Straße zum Schwellenraum und die Irrfahrt zum Sinnbild des Lebens. Oder zumindest eines Lebensabschnitts. Denn als die Frau in den frühen Morgenstunden zwei jugendliche Tramperinnen bei sich einsteigen lässt, biegt die Geschichte noch einmal in eine andere Richtung ab. In manchen Passagen erinnert »Grüne Welle« an einen Bruce-Springsteen- Song, an »Stolen Car« zum Beispiel. Darin geht es um einen Mann, der fremde Autos knackt, um mit ihnen stundenlang durch die Nacht zu kurven. Nicht kriminelle Energie scheint ihn dazu zu motivieren, sondern eher ein zwanghaftes Bedürfnis, das auch nicht mit Freude verbunden ist, sondern im Gegenteil mit Angst.

Angst auch nicht vor der Polizei, sondern vor der Vorstellung, eines Tages einfach spurlos in der Dunkelheit zu verschwinden. Auf die Frage, weshalb alle seine Songs von Autos handeln würden, erwiderte der Sänger einst leicht pikiert, sie handelten eben nicht von Autos, sondern von den Menschen darin.

In »Grüne Welle« geht Esther Schüttpelz sogar noch eine Stufe weiter und blickt ins Innere dieser Menschen, beziehungsweise in die Gedankenwelt von Amy, die nach einem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin eigentlich nur nach Hause fahren wollte. Das Ambiente ihrer Erzählung hat Ähnlichkeiten mit einem Horrorfilm der psychologischen Art, in dem sich der Eindruck der Ausweglosigkeit auch in der Landschaft manifestiert. Auf den Straßen, die Amy entlangfährt, scheint es keine Beleuchtung, keine Beschilderung und keine anderen Verkehrsteilnehmer zu geben.

Kreisverkehre münden in andere Kreisverkehre, namenlose Dörfer liegen wenig hilfreich im Dunkeln, das ganze Konzept des Umkehrens erscheint irgendwann sinnlos, wenn nicht sogar unmöglich. Dadurch bekommt die Erzählung etwas Parabelhaftes, an dem Schüttpelz durchaus ihren Spaß hat.

Immer wieder ertappt man sich bei den Gedanken, bei denen Amy sich ertappt, auch selbst, mit teilweise beunruhigendem Effekt. Einer davon ist die Erkenntnis, wie sehr die Existenz an sich einer Illusion gleicht, und wie automatisch man das die meiste Zeit verdrängt. Bis man dann in einer unangekündigten Mitternachtsstunde zu ahnen beginnt, dass wir alle irgendwo in der Dunkelheit unterwegs sind und uns zeitlebens an ein Lenkrad klammern, das es gar nicht gibt.

Markus Hockenbrink


Alle Artikel in Literatur