20.05. | Hörbuch der Woche: Katharina Zorn, Jasna Fritzi Bauer • Else

Argon

20.05. | Hörbuch der Woche - Katharina Zorn, Jasna Fritzi Bauer • Else

Das Taxi zur Freiheit

Das Künstlerinnenpaar Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer erzählt in seinem ersten gemeinsamen Roman von Elses heimlicher Selbster­mächtigung und zeichnet das inspirierende Porträt einer stillen Heldin.

Geheimnisse in Familien bedingen selten etwas Gutes. Affären, Schulden, eine frist­lose Kündigung oder uneheliche Kinder sind die Schrecken, die die meisten hinter den dunklen Türen der Verheimlichung vermuten, deren Schloss meist nicht auf­geschlossen, sondern aufgebrochen wird. Doch Else verschweigt ihrem Mann Willy und ihren beiden Töchtern Susanne und Antje etwas, das im Familienleben keinen Abgrund aufreißen würde, sondern etwas, auf das sie stolz sein kann. Nachdem sie das Gesuch eines Taxiunternehmens in der Zeitung gesehen hatte, meldete sie sich kurzentschlossen auf die Annonce und focht schon am Telefon die erste Fehde aus. Frauen könnten keine Taxifahrer sein. Der Job sei enorm schwierig und bedeute eine große Verantwortung, erwiderte der An­gestellte der Zentrale auf ihre Anfrage. Ob Kindererziehung nicht auch genau das sei, konterte Else. Ihre Schlagfertigkeit trägt Früchte und so ist sie 1968 die erste Frau Hessens, die einen Taxischein macht und sich fortan heimlich ein kleines Nebeneinkommen verdient. Nach außen hin herrschen bei Familie Schneider weiterhin die damals typischen Rollenbilder: Willy macht Karriere, jettet von einer Dienstreise zur nächsten und verbringt seine Tage und Nächte – gerne auch ohne seine Frau – im örtlichen Tennisverein, während Else sich um Haushalt und Kinder kümmert. Nur ihre beste Freundin Marta weiß um ihr Geheimnis. Dass Taxifahren unter Um­ständen ein gefährlicher Job ist, erfährt sie am eigenen Leib, als sie eines Nachts überfallen wird. Doch es tun sich auch Abgründe auf, die niemand vorhersehen konnte. Während eine ihrer Schichten sie ins zwielichtige Bahnhofsviertel Frank­furts führt, stellt Else erschrocken fest, dass sie die beiden Männer, die gerade aus dem Laufhaus taumeln und ihr dabei fast vors Auto rennen, kennt: Es sind Richie, Martas Mann, und ihr eigener Gatte Willy. Aus selbstgewähltem Vergnügen wird fremdbe­stimmtes Leid. Else hängt die Taxischlüssel nach dieser unfreiwilligen Begegnung an den Nagel – für immer. Ihre Ehe jedoch gibt sie – genau wie ihre Freundin Marta – nicht auf. Man lernt Else nicht nur in dieser Phase ihres Lebens kennen, sondern taucht außerdem, wenn auch nur kurz, in ihre Vergangenheit als sudetendeutsches deportiertes Kind ein, um dann Zeuge ihres finalen Ausbruchs zu werden. Mit achtzig plündert sie ihr geheimes Taxikon­to und reist mit ihrer Enkelin Emma nach Frankreich, wo die beiden ihr Leben in vollen Zügen genießen. Sie schlendern am Strand, kreieren ihr eigenes Parfüm, flirten, schlürfen Champagner und Austern in Monaco und lassen sich an ihrem letzten Abend mit dem Wassertaxi zum Sternere­staurant bringen. Man freut sich für Else über diesen perfekten Lebensabend, auch wenn die Episode im Vergleich zum Rest des Romans teilweise etwas konstruiert wirkt. Elisabeth Günther, die schon als deutsche Synchronstimme für Cate Blan­chett oder Helena Bonham Carter besetzt wurde, brilliert als Sprecherin des Hör­buchs vor allem darin, Elses verschiedene Facetten zum Leben zu erwecken. Wenn sie lospoltert, weil Willy es mal wieder im Tennisclub übertreibt, spürt man all die Wut, die sich angestaut hat. Und wenn sie liebevoll mit ihrer Enkelin philosophiert, entfaltet sich die Zärtlichkeit, die ihrem Charakter ebenso zugrunde liegt. »Else«ist ein berührendes Romandebüt über eine Heldin, von der man viel über ein Leben zwischen Konventionen, Erwartungen und Selbstbestimmung lernen kann.


Katharina Zorn, Jasna Fritzi Bauer
Else
gelesen von Jasna Fritzi Bauer und Elisabeth Günther
Argon • 8 Std. 20 Min.

Katharina Raskob


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