2.9. | Buch der Woche: Alice Horácková • Geteiltes Haus
Diogenes • 880 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro
Alice Horácková wurde 1980 in Prag geboren und arbeitet als freie Schriftstellerin. Mit „Geteiltes Haus“ legt sie ihr zweites belletristisches Buch vor. Es ist zugleich ihr erstes Werk, das auf Deutsch erscheint. Für den Roman greift sie auf ihre eigene Familiengeschichte zurück und verbindet Erinnerungen, Briefe, Fotografien und Archivmaterial mit einer literarischen Erzählung. Im Mittelpunkt steht das Leben einer deutsch-tschechischen Gemeinschaft im Riesengebirge und die Frage, was mit Freundschaften und Familien geschieht, wenn sich politische Grenzen und nationale Zugehörigkeiten verändern.
Im Mittelpunkt stehen die Freundinnen Zdenka und Anežka, die im Bergdorf Benetzko aufwachsen – die eine Tschechin, die andere Deutsche. Ihre Freundschaft übersteht Kriege, politische Umbrüche, persönliche Enttäuschungen und schließlich auch die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Horácková die historischen Ereignisse mit den persönlichen Schicksalen ihrer Figuren verbindet. Nationalismus, Krieg und politische Macht bleiben nicht abstrakt, sondern greifen unmittelbar in das Leben der Menschen ein und verändern Beziehungen, Familien und Zukunftsperspektiven. Dabei zeichnet die Autorin ihre Figuren bewusst widersprüchlich: Sie sind keine eindimensionalen Charaktere, sondern handeln aus unterschiedlichen Motiven und müssen mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben. Gleichzeitig macht der Roman deutlich, wie Nationalismus und die politischen Tendenzen das Zusammenleben verändern und zu Spannungen führen.
Auch die Landschaft des Riesengebirges spielt eine wichtige Rolle. Die zunächst vertraute Dorfgemeinschaft wird zunehmend von Misstrauen, Ausgrenzung und Angst geprägt. Gerade dieser Wandel macht das Zeitgeschehen greifbar und zeigt, wie Ideologien langsam in den Alltag eindringen können.
Mit seinen vielen Figuren und zeitlichen Sprüngen ist „Geteiltes Haus“ stellenweise anspruchsvoll und aufgrund seines Umfangs sicher keine leichte Lektüre. Wer sich jedoch darauf einlässt, erhält nicht nur eine bewegende Familiengeschichte, sondern auch einen anschaulichen Zugang zur deutsch-tschechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
„Geteiltes Haus“ ist ein eindringlicher Roman über Freundschaft, Heimat, Zugehörigkeit und die Folgen politischer Spaltung. Besonders die Verbindung von persönlicher Geschichte und historischen Entwicklungen macht das Buch lesenswert. Horácková gelingt es, Geschichte nicht nur zu vermitteln, sondern anhand ihrer Figuren erfahrbar zu machen – und gerade dadurch regt der Roman dazu an, sich auch über die Lektüre hinaus mit der Geschichte des Sudetenlandes auseinanderzusetzen.
Alice Horácková
Geteiltes Haus
Diogenes, 19. August • 880 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro
Tim Wetzer