2.4. | Kinostart der Woche: Siri Hustvedt - Dance Around The Self

2.4. | Kinostart der Woche - Siri Hustvedt - Dance Around The Self
Foto: Medea Film Factory/Dschoint/Ventschr/Filmproduktion/Meret/Madoerin/Filip Zumbrunn

»Ich wollte nichts verstecken.«

Siri Hustvedt ist nicht nur eine erfolgreiche Schriftstellerin, sondern gehört auch zu den großen öffentlichen Intellektuellen unserer Zeit. Höchste Zeit also, dass es mit »Siri Hustvedt – Dance Around the Self« von Sabine Lidl nun auch einen Dokumentarfilm gibt, der sich ihrem Leben und Werk widmet.

Ms. Hustvedt, wie haben Sie reagiert, als die deutsche Regisseurin Sabine Lidl mit der Idee anklopfte, einen Dokumentarfilm über Sie zu drehen?

Sabine und ich kannten uns bereits ein wenig, weil sie auch schon einen Film über meinen Mann Paul Auster gedreht hatte. Daher war ich prinzipiell aufgeschlossen. Ich fühlte mich auch ungemein geschmeichelt, dass jemand einen Film über mich drehen will. Aber ich fragte mich auch, ob das Ganze für ein Publikum überhaupt interessant sein würde. Denn Schriftsteller*innen bei der Arbeit zu filmen, ist doch eher langweilig, oder?

Während der Jahre, in denen der Film entstand, verstarb Paul Auster. Dachten Sie zu dieser Zeit darüber nach, das Projekt doch noch abzubrechen?

Wenn ich mich einmal zu einer Sache verpflichtet habe, dann ziehe ich sie auch durch. Zumal ich längst großes Vertrauen zu Sabine entwickelt hatte und spürte, dass sie mir ausreichend Respekt entgegenbrachte und Raum für meine Trauer ließ. Und ich wollte auch nichts verstecken. Das Persönliche ist immer auch politisch. Das habe ich schon als Jugendliche durch die Frauenbewegung gelernt.

Auch in Ihr Schreiben haben Sie stets das Persönliche eingebracht und Biografisches in Ihren Texten verarbeitet. Nicht zuletzt das Buch »Die zitternde Frau«, in dem Sie unter anderem über Ihre Nervenerkrankung schrieben, sorgte für Aufsehen.

Gerade in Deutschland schienen viele Leute geschockt zu sein, als ich meine Zitteranfälle öffentlich zum Thema machte. Aber warum sollte ich das denn nicht tun? Für einen moralischen Fehltritt kann man sich schämen. Aber doch nicht für etwas Körperliches, das außerhalb meiner Kontrolle liegt. Im Gegenteil finde ich es wichtig, solche Dinge zu thematisieren. Wir tun unserer Gesellschaft und Kultur keinen Gefallen, wenn wir von psychischen Erkrankungen bis hin zu körperlichen alle stigmatisieren. Genau aus diesem Grund haben Paul und ich uns ja auch entschieden, Pauls Lungenkrebserkrankung öffentlich zu machen. Niemandem ist damit gedient, wenn wir unsere Sterblichkeit leugnen oder verstecken.

Ähnlich offen äußern Sie sich, etwa in Ihrer Abneigung gegen Trump, zur Tagespolitik. Sehen Sie das als Ihre Verantwortung?

Dieser Tage gibt es doch kein Entkommen vor der Politik, zumal als Künstlerin. Ich komme aus dem Land, das vermeintlich die Meinungsfreiheit erfunden hat. Doch zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich sie aktuell tatsächlich in Gefahr. Einerseits, weil so viele Menschen wie nie zuvor Angst zu haben scheinen, das auszusprechen, was sie denken. Während demgegenüber andere ihre Misogynie, ihren Rassismus und ihre Fremdenfeindlichkeit plötzlich nicht mehr zu kaschieren versuchen, sondern offen zur Schau stellen. 77 Millionen Menschen hatten kein Problem damit, die Nazi-Rhetorik zu ignorieren, mit der Donald Trump im Wahlkampf über Kamala Harris sprach. Da ist doch etwas nicht richtig in unserem Land! Dagegen müssen wir ankämpfen. Und deswegen ist auch diese Krankheit eine, über die wir unbedingt sprechen und schreiben müssen!

Lassen Sie uns noch kurz einen Blick auf Ihre Anfänge werfen. In »Siri Hustvedt – Dance Around the Self« erinnern Sie sich daran, wie Sie als Jugendliche ausgerechnet in Island den Entschluss fassten, Schriftstellerin zu werden. Was war da der Auslöser?

Im Sommer wird es in Reykjavik ja nicht dunkel, und entsprechend litt ich zum ersten Mal in meinem Leben unter Schlaflosigkeit. Also las ich, so viel ich konnte. Ich war damals 13 Jahre alt und mein Gehirn hatte einen ordentlichen Entwicklungssprung getan. Plötzlich hatte ich das Gefühl, alles lesen zu können, auch all die Bücher für Erwachsene, die mir als kindlicher Leseratte noch nicht zugänglich waren. »David Copperfield« von Charles Dickens berührte mich auf eine derart intensive Weise, dass ich es zwischendurch zuklappen und weglegen musste. Mein Herz raste! So stand ich dann am Fenster, blickte nach draußen und dachte mir: Wenn Bücher solche Emotionen auslösen können, dann will ich auch welche schreiben.

Siri Hustvedt - Dance Around The Self
1 Std. 55 Min.

Nicht jeder kluge Kopf ist auch automatisch eine charismatische Leinwanderscheinung, doch Siri Hustvedt erweist sich als Glücksgriff fürs Kino. Stundenlang könnte man der Amerikanerin zuhören, wie sie über ihre Lebensgeschichte und ihre Arbeit spricht, und Regisseurin Sabine Lidl ist klug genug, dafür in ihrem Film genug Raum zu schaffen. Mit privatem Archivmaterial, unaufdringlichen Spielszenen und originellen Animationen findet sie geschickte Bebilderungen für Hustvedts Biografie und ihre klugen Gedanken. Und weil die Schriftstellerin wie in ihrem Schreiben auf freimütige Offenheit setzt, aber eben auch ihr Ehemann und Lebensmensch Paul Auster der Filmemacherin vor seinem Tod noch Rede und Antwort stand, entwickelt »Siri Hustvedt – Dance Around the Self« neben der intellektuellen auch eine anrührend emotionale Kraft.

Patrick Heidmann


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