2.1. | Album der Woche: Arco Sinfónica • Movie Sinfónica
Neuklang
Foto: Fotostudio Stock Freiburg
Den Lebensfilm vor Augen
Mit »Movie Sinfónica« entwerfen die Komponistin und Produzentin Julia Diederich und ihr Team eine weitgespannte Orchestersuite zwischen Klassik, Jazz und Filmmusik.
Es ist ein greifbarer, dreidimensionaler Klang, den Julia Diederich mit »Movie Sinfónica« anstrebt. Da passt es nur konsequent, dass die Stücke des Albums nicht nur im klassischen Stereomix vorliegen, sondern zusätzlich in Dolby Atmos gemischt wurden. Diederich denkt beim Komponieren ohnehin räumlich: »Ich sehe mich da oft wie eine Innenarchitektin, die einen Raum gestaltet«, sagt sie. »In Stereo habe ich nur eine Wand.
In Atmos habe ich rechts, links, hinten, oben«, erzählt sie in unserem Interview. Die Mischung im erweiterten Format war ihr deshalb besonders wichtig, dem großen Aufwand zum Trotz. »Man muss alles komplett neu mischen«, erklärt sie. »Wenn man sich diese Mühe nicht macht, kann man es gleich in Stereo lassen.« Dass Atmos kein Effektfeuerwerk wird, sondern eine räumliche Erweiterung der musikalischen Erzählung, ist für sie entscheidend: »Man darf nicht zu viel wandern lassen. Nur Elemente, die das wirklich tragen.«
»Movie Sinfónica« selbst ist ein außergewöhnliches Projekt: eine Weltmusik-Suite, die Jazz, Orchesterklänge, lateinamerikanische Rhythmen sowie Elemente moderner Filmmusik miteinander verbindet. Eingespielt wurde sie von Arco Sinfónica – ehemals Latin-Jazz Sinfónica – gemeinsam mit dem GermanPops Orchestra, einem großen Perkussionsensemble, Big-Band-Bläsern, Jazz-Rhythmusgruppe und den Sängerinnen und Sängern des Staatsopernchors Stuttgart sowie des SWR Vocalensembles Stuttgart.
Die elf Kompositionen basieren auf persönlichen, teils sehr intensiven Erlebnissen der beteiligten Komponistinnen und Komponisten.
Für Diederich selbst waren es immer wieder filmische Momente, wie sie sagt: Situationen, »die man erlebt und denkt, das kann doch nicht echt sein – und dann merkt man, doch, das ist real.« Ein zentraler Auslöser war ihre schwere Covid-Erkrankung, eine Zeit, in der phasenweise gar nichts mehr ging und sich ihr »eigener Lebensfilm vor den Augen abgespult« hat. Die Musik dazu war sofort da ... innere Klänge, die später die Grundlage für das Titelstück »Movie Sinfónica« bildeten.
Ein anderes Schlüsselerlebnis verarbeitet sie im Stück »Justitia«, eine sechs Stunden dauernde Gerichtsverhandlung, während derer sie im Kopf bereits eine Art Soundcollage hörte. Sie wusste, in welcher Tonart das Stück stehen musste, welche Stimmung es tragen sollte und welche Instrumentengruppen die zentralen Rollen spielen würden. Die Musik war schon während des Erlebens präsent – und fand später ihren Weg in die Partitur.
Das dritte zentrale Werk des Albums ist »Aria«, ein Stück, das Julia Diederich vollständig im Kopf komponierte. Nach ihrer Covid-Erkrankung konnte sie selbst längere Zeit kein Instrument spielen. Sie komponierte im Kopf, brachte es später mit einem Programm auf Papier. Der Text von Aria thematisiert die Bitte um Licht und Frieden – und verbindet ihre eigene Geschichte mit jener einer Cellistin des Orchesters, die während der Produktionszeit starb.
Für Diederich ist es entscheidend, dass alle Beteiligten die Geschichten hinter den Stücken kennen. »Wenn die Musiker spielen, tauchen sie sofort in die Atmosphäre ein«, sagt sie im Gespräch. »Das ist für mich keine Studio-Produktion. Das ist ein Orchester.« Genau diese Haltung prägt auch die Klangästhetik: groß, räumlich, aber nie überladen; emotional, aber stets präzise.
Für Diederich ist klar, dass »Movie Sinfónica« nur so gut funktioniert, weil alle Beteiligten mehr sind als eine lose Studiobesetzung. Die Musikerinnen und Musiker wachsen für sie zu einer Einheit zusammen – eine feste Klang gemeinschaft, die ihre Geschichten kennt und trägt. »Deswegen ist es mir auch wichtig zu sagen, dass es kein Projekt ist. Das ist ein Orchester«, betont sie.

Arco Sinfónica
Movie Sinfónica
Neuklang • 5. Dezember
Es gibt diese Momente auf »Movie Sinfónica«, da verschmelzen die verschiedenen musikalischen Welten ganz harmonisch miteinander – und es gibt sie auch, die Überraschungsmomente, bei denen die Lust auf musikalische Kollision durchaus spürbar ist. Etwa bei »Aria«, einem Schlüsselstück der Platte, das nach sechs Minuten recht klassischen Sounds plötzlich mit perkussiven Elementen erhöht wird, die zunächst eher als Fremdkörper auftauchen und den Hörer aufrütteln. Dem Orchester gelingt hier ein imposantes, üppiges Werk, das immer wieder neue Klangräume öffnet und besonders den Filmmusik-Faktor stets hervorhebt.
Markus Brandstetter