19.8. | (Hör-)Buch der Woche: Christiane Hoffmann • Die Träume, die wir hatten

C.H.Beck • 302 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

19.8. | (Hör-)Buch der Woche - Christiane Hoffmann • Die Träume, die wir hatten
Foto: Susanne Schleyer

Der Tod ihrer Freundin und der Beginn des Kriegs in der Ukraine passieren im Leben der Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann fast gleichzeitig und zerstören »Die Träume, die wir hatten«.

In der Nacht, in der sie starb, hatte der Krieg noch nicht begonnen.« Im Februar 2022 schlagen im Leben der Journalistin und ehemaligen Russland-Korrespondentin Christiane Hoffmann zwei Hiobsbotschaften ein: Russland hat einen militärischen Überfall auf die Ukraine gestartet und ihre engste Freundin seit der Studienzeit wird in deren Leipziger Wohnung tot aufgefunden. »Es heißt, man habe es nicht verhindern können. Den Krieg nicht und auch nicht ihren Tod«, schreibt Hoffmann und tut, was man als Journalistin schon aus dem Affekt heraus tut: Zweifel anmelden und den Weg zurückverfolgen, bis dorthin, wo alles begann, die Freundschaft und das junge, noch geeinte Russland, frisch befreit vom Kommunismus.

Man reist mit Hoffmann in das Jahr 1989. In Hamburg studiert sie Slawistik, betreut gleichzeitig ein internationales Theater-Festival am Thalia. Dabei lernt sie ihre Freundin kennen und mit ihr zusammen eine Schauspieltruppe aus Leningrad. Getrieben von Glasnost und Perestroika arbeitet das achtstündige Stück der Russen schonungslos die Stalin-Zeit auf und hinterlässt bei den zwei jungen Studentinnen das mächtige Gefühl nicht nur von Aufbruch, sondern auch von etwas, dessen Teil sie sein wollen.

»Die Träume, die wir hatten« wird vom Verlag C.H. Beck als Sachbuch herausgebracht. Dabei ist es viel mehr als das, und nicht zuletzt eine Liebeserklärung an den Journalismus. Der macht sich hier mit vielem gemein, während Hoffmann sehr präzise Szenen, Gespräche und eben auch Gefühle skizziert. Ihre Biografie dient dabei lediglich als roter Faden, an den Hoffnungen, Freundschaften, Fakten und auch Träume geheftet sind.

Hat man in den Sechzigern mit dem Feminismus das Private zum Politischen ausgerufen, wird bei Hoffmann und ihrer Freundin in den Neunzigerjahren das Politische privat. Russland und die Ukraine sind für beide Frauen weit mehr als Stationen einer Karriere. Die Freundin heiratet einen Moskauer Künstler und wird geachtete Dozentin für russische Literatur hüben und drüben. Hoffmann wendet sich dem Journalismus zu, wird Korrespondentin in Moskau für die FAZ, heiratet, bekommt Kinder. Während sich geografisch die Wege der Freundinnen trennen, bleiben Russland und die Ukraine immer ihre Verbindung, die sie hitzig diskutieren und analysieren lässt.

Lesende sollten deshalb schon sattelfest sein, wenn es um die Eckdaten der Auflösung der Sowjetunion geht: Aufstieg und Fall von Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und sein Beschuss des Weißen Hauses in Moskau im Oktober 1993. Wladimir Putin ist da noch kein Thema, auch wenn in den frühen neunziger Jahren »die Saat für Revanchismus und Putinismus« gelegt wird, wie Hoffmann schreibt.

Erst 1999, frisch zum Ministerpräsidenten gewählt, tritt er ins Rampenlicht: »als Reiter mit entblößter Brust in den russischen Weiten.« »Uns die Welt schönreden. Ich habe gedacht, sie sei eine starke, fröhliche Frau. Das war sie wohl. Wir haben gedacht, Russland könne eine Demokratie werden. Das hätte vielleicht sein können. Aber irgendwann änderte sich alles.«

Literarische Stoßseufzer wie dieser verleihen diesem Sachbuch Herz und Seele. Die Hörbuchversion wird gehaucht gelesen von Martina Gedeck in der Gangart von Sargträgern. Wie Stechschritte wirken dagegen die Gedichte von Anna Achmatowa, rezitiert auf Russisch von der deutsch-ukrainischen Schauspielerin Alina Levshin. Und prompt gerät »Die Träume, die wir hatten« für 660 Minuten auch noch zu einem poetischen Hörspiel.


Christiane Hoffmann - Die Träume, die wir hatten Cover

Christiane Hoffmann
Die Träume, die wir hatten
Juli C.H.Beck, 09. Juli • 302 Seiten (Hörbuch: 10 Std. 59 Min.) • Hardcover • 26,00 Euro

Edda Bauer


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