19.09. | Album der Woche: Yasmine Hamdan • I Remember I Forget
Crammed Discs
Foto: Yilas Nao
Zwischen Erinnerung und Vergessen
Die Musikerin Yasmine Hamdan beschäftigt sich auch in der Diaspora in Frankreich sehr intensiv mit dem, was sich in ihrer Heimat Libanon tut. Das spiegelt sich natürlich in den Songs ihres Albums »I Remember I Forget« wider. Ob Korruption oder die Revolution von 2019: Alles hat irgendwie Eingang in die Texte gefunden.
Obwohl Yasmine Hamdan gar nicht zu Hause in Paris ist, sondern gerade in Athen weilt, nimmt sich die Musikerin Zeit für ein Video-Interview. Bereits nach wenigen Minuten spürt man, wie wichtig es ihr ist, über ihr drittes Album »I Remember I Forget« zu sprechen. Wer ihre neuen Songs hört, hat das Gefühl: Diesmal wollte die in Beirut geborene SingerSongwriterin noch mehr arabische Klänge einflechten. Diese These bestätigt sie prompt: »Ich habe ganz viel alte arabische Musik gehört. Das sollte ebenso in meine Stücke einfließen wie meine Vorliebe für Elektronik.« In der Konsequenz sampelte oder loopte sie traditionelle Instrumente von Oud bis zu Darkuba. »Shadia«, benannt nach ihrer Perserkatze, schaut musikalisch ein bisschen weiter über den Tellerrand, dieses Lied wendet sich einem sudanesisch-nubischem Sound zu. Der Text ist der tunesischen Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Habiba Msika gewidmet. Sie wurde von einem Mann getötet, der von ihr besessen war. Neben diesem grausamen Mord verarbeitete Yasmine Hamdan noch weitere Tragödien in ihren Titeln. Etwa die Explosion vom 4. August 2020, durch die große Teile Beiruts zerstört wurden. Aus diesem Drama ging »Hon« hervor, die erste Nummer, entstanden in Kooperation mit dem palästinensischen Dichter Anas Alaili. Dieser Song beschäftigt sich damit, wie Hamdan jenen Tag durchlebt hat. Sie bekam daheim einen Anruf von ihrer Schwester und erfuhr erst auf diese Weise von dem tragischen Ereignis. Von all den Toten und Verletzten. »Als ich ans Telefon gegangen bin«, erzählt sie, »ist meine Realität zerbrochen.« Die 49-Jährige hatte das Gefühl, quasi zwei Situationen gleichzeitig zu erleben – Himmel und Hölle: »Während ich aus dem Fenster schaute, sah ich glückliche Menschen, die Eis gegessen haben. Zugleich hing eine schwarze Wolke in meinem Wohnzimmer.« Solche Erinnerungen waren die treibende Kraft für ihren aktuellen Langspieler. »Sich zu erinnern«, grübelt Yasmine Hamdan, »ist unsere Pflicht. Andererseits muss man manches auch vergessen, sonst könnte man manchmal gar nicht weiterleben.« Aus diesen Überlegungen ist der Titelsong »I Remember I Forget« entstanden. In ihm stecken gleichermaßen Humor und Sarkasmus: »Auf eine humorvolle Art kann man sich selbst schwierigen Themen besser annähern.« Darum setzt die Frau des palästinensisch-israelischen Filmemachers Elia Suleiman auf Satire, wenn sie sich in »Abyss« die frühere, als korrupt geltende Regierung des Libanons vorknöpft: »Man muss sich nur diesen Mikrokosmos anschauen, um die Zukunft anderer Länder zu prognostizieren.« Yasmine Hamdan stellt sich die Frage, ob westliche Gesellschaften wirklich noch frei sind. Ihre Antwort fällt ziemlich ernüchternd aus: »Die Globalisierung hat längst Einzug in unser Leben gehalten. Große Konzerne regieren und kontrollieren die Welt.« Als Künstlerin hingegen hält Yasmine Hamdan der Indie-Szene die Treue, bis heute. Zwar musste sie wegen des Bürgerkriegs mit ihrer Familie bis zu ihrem 15. Lebensjahr zwischen Libanon, Kuweit, Abu Dhabi und Griechenland pendeln, doch nach ihrer Rückkehr nach Beirut gründete sie 1997 mit Soap Kills die erste Underground-Band des Nahen Ostens. Seit 2005 wohnt sie in Paris. Ihr Soloalbum »Yasmine Hamdan« erschien 2012, im darauffolgenden Jahr wurde es unter dem Titel »Ya Nass« erneut veröffentlicht. Auf der kreativen Ebene zielt die Sängerin, die einen Hochschulabschluss in Psychologie hat, vor allem darauf ab, die Grenzen zwischen arabischer und westlicher Musik aufzuheben. Unbeirrt geht sie also ihren eigenen Weg – nicht nur künstlerisch. »In Paris lebe ich eher wie eine Touristin«, offenbart Hamdan. »Ich reise viel und möchte mir meine romantische Beziehung zur französischen Hauptstadt unbedingt bewahren, statt zu sehr ins Alltägliche einzutauchen.« Dennoch hat sie das Gefühl, dass man ihr als Frau mit arabischen Wurzeln seit etwa anderthalb Jahren nicht mehr so offen in ihrer Wahlheimat begegnet: »Ich kann das jedoch nicht verallgemeinern und sehe in Paris immer noch eine interessante Metropole, die ich liebe.«

Yasmine Hamdan
I Remember I Forget
Crammed Discs • 19. September
Dagmar Leischow