Literatur

19.08. | Buch der Woche

Markus Gabriel • Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten

Ullstein

19.08. | Buch der Woche - Markus Gabriel • Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten

Moral ist sexy

Die Menschheit muss die Notbremse ziehen, sonst fällt sie in einen Abgrund unvorstellbaren Ausmaßes, so Markus Gabriel. Warum nur moralischer Fortschritt uns aus diesen dunklen Zeiten erretten kann, zeigt der Philosophieprofessor in seinem aktuellen Buch.

Herr Gabriel, derzeit herrscht eine große Aufgeregtheit.

Und sie herrscht weltweit. Eine Paniksituation, in der die Menschen reagieren wie aufgescheuchte Tiere. Stichwort Klimakatastrophe: Wir sind kurz davor, uns als Spezies auf diesem Planeten auszurotten. Alle politischen Krisen, die wir in dieser Aufgeregtheit erleben, hängen damit zusammen, dass wir uns wie selbstzerstörerische Dinosaurier verhalten. Wir sitzen alle im selben Boot, also auf demselben Planeten, der von einer dünnen, fragilen Atmosphäre umgeben ist, die wir durch nicht-nachhaltige Produktionsketten und unverantwortliches Handeln zerstören.

Wie schaffen wir es, die Notbremse zu ziehen?

Die Menschheit braucht eine Auszeit. Sie leidet unter einem Burn-out, und das hat schreckliche Gesichter, wie etwa die brennenden Wälder in Australien. Wie das so ist bei einem Burn-out, gibt es den Versuch, zurückzukehren in das frühere Leben, in dem alles scheinbar so reibungslos funktioniert hat. Doch das ist nicht möglich. Weil die Schocksituation so lange dauern wird, bis wir als Menschheit ein neues Selbstverständnis entwickelt haben. Und nun auch noch die Corona-Pandemie. Wir haben gerade dadurch die Gelegenheit, uns die erforderliche Auszeit zu nehmen. Doch leider viel zu kurz, jetzt wollen alle schon zurückrudern. Die Corona-Pandemie ist wie ein Weckruf. Als habe unser Planet sein Immunsystem aktiviert, um die Hochgeschwindigkeit unserer Selbstausrottung zu bremsen und sich vor weiteren Übergriffen zu schützen, jedenfalls temporär. Die Menschen haben Angst. Auch das ist eine Folge von Corona. Wie es der Bundespräsident in seiner Rede sagte, mussten wir erkennen, dass wir verwundbar sind, obwohl wir viel zu lang geglaubt haben, dass wir es nicht wären. Die Wunde aber können wir nicht mit den altbekannten Mitteln heilen, weil wir feststellen müssen, dass sie viel größer ist als gedacht. Das Virus infiziert die Lunge eines Menschen, zugleich ist die Lunge des Planeten selbst infiziert.

Wie dringend sind wir jetzt auf Moral angewiesen?

Es ist das Gebot der Stunde, dass sich der Mensch auf seine moralischen Fähigkeiten besinnt. Ich gehe noch weiter: Es muss einen moralischen Fortschritt geben, unter Einbeziehung universaler Werte für das 21. Jahrhundert – und damit aller Menschen –, sonst werden wir in einen Abgrund unvorstellbaren Ausmaßes geraten. Man denke an die Gefahren neuer Kriege durch das Erstarken des Nationalismus sowie an die ökologische Krise. Alleine die sozioökonomische Ungleichheit, die durch die Corona-Krise zunehmen wird, weil womöglich viele Millionen Menschen in die Armut zurückfallen werden, ist auf Dauer nicht tragfähig. Wir haben uns eingerichtet in einer falschen Art der Moderne. Wir brauchen keine Postmoderne, sondern eine bessere Moderne, in der wir endlich tun, was die Aufklärung von uns wollte, nämlich, dass wir einsehen, dass eine gerechte Gesellschaft nur dann gelingt, wenn wir verstehen, dass der Sinn des Lebens das moralisch Gute ist.

Moralisch gut sein zu müssen, das wirkt auf viele, lapidar gesagt, wie ein Stimmungstöter.

In der Tat, wir verbinden mit Moral das Langweilige, Dröge, Priesterliche. Dafür gibt es in der Sache keinen Grund, das müssen wir unbedingt überwinden. Denn es ist so: Das moralisch Gute ist sexy. Betrachten wir etwas Schönes, so findet das niemand anstrengend. So ist es auch mit dem Guten. Man strebt von Natur aus danach, man hat daran Freude.

Moral als Genuss?

Wir haben die Vorstellung von Moral, dass sie unsere Begierden überwindet. Man möchte eigentlich etwas anderes wollen. Aber ist das so? Ist es so, dass wir unbedingt den Planeten zerstören und die Umwelt vergiften wollen, aber leider nicht dürfen? Wenn, wäre das schlimm. Nein, unsere wahren Interessen sind, und das zeige ich mit meinem Buch, die moralischen. Der katholischen Kirche, dem ältesten Unternehmen der Welt, sind viele moralische Fehler vorzuwerfen, aber sie funktioniert deshalb so gut, weil sie moralische Imperative setzt. Der aktuelle Papst engagiert sich für Umweltschutz und hält Kontakte zu indigenen Völkern. Das Moralische und die Interessen stehen in keinem Konflikt. Oder VW: Es ist im Interesse des Automobilkonzerns, keinen Dieselskandal zu haben. Moral ist der Atem des Geistes. Sie lässt uns sagen: I can breathe.

So attraktiv das klingt, wie kann sich das noch mehr herumsprechen?

Nehmen wir das System der Ausbeutung. Eine wesentliche Maßnahme, um es zu überwinden, ist das bedingungslose Grundeinkommen. Man stelle sich eine Gesellschaft vor, in der niemand den Gedanken haben muss, dass er morgen kein Geld haben könnte oder obdachlos würde. Wenn diese Angst weg wäre, würden wir vieles, was moralisch verwerflich ist, nicht mehr tun. Denn: Das Böse tun wir auch aus Angst.

Einen Leitfaden zur moralischen Orientierung gab Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ: »Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.«

Die kantische Ethik macht aus uns Moralautomaten. Man kann den kategorischen Imperativ verwenden, um mora-lisch nicht nachdenken zu müssen. Man testet einfach, ob etwas universalisierbar ist. Allein: Universalisierbar ist vieles. Was aber sind die wahren Interessen eines jeden Individuums? Platon hat deshalb Dialoge geschrieben, weil wir das Gute nur im Dialog herausfinden, ich kann es nicht alleine. Als Kind wird es mir, bestenfalls, durch Vorbilder beigebracht. In meinem Buch plädiere ich deswegen für Ethik als Pflichtfach, und zwar bereits in der Grundschule.

Wir müssen also mehr miteinander reden.

Unbedingt. Moral besteht nicht darin, dass einer einem anderen einen Vorwurf macht.

Demzufolge biegen wir im gesellschaftlichen Diskurs gerade ziemlich falsch ab.

Moralische Verdammungsurteile sind häufig unmoralisch, egal wie sehr jemand glaubt, im Recht zu sein. So ist es auch mit dem Denunziantentum. Wir sind doch nicht alle die Polizei. Oder neulich, ich wurde von einem Polizisten im Zug angebrüllt, ich solle die Maske, die ich kurz heruntergenommen hatte, wieder aufziehen – für dieses Brüllen gibt es keine moralische Rechtfertigung. Stattdessen hätte er sich erkundigen müssen, warum ich das tue. Ich musste mit zwei schweren Koffern sehr schnell rennen, um den Zug noch zu erwischen, da der andere Zug, aus dem ich kam, Verspätung hatte. Ich war also richtig außer Puste und dachte, ich ersticke unter der Maske. Der Polizist hat sich mir gegenüber böse verhalten, im Anschein das Gute zu tun. So war das auch mit den Menschen in den Altenheimen. Obwohl wir gesagt haben, wir schützen die Alten, haben wir sie eingesperrt und damit gefoltert. Ich habe sehr viele Briefe von älteren Leuten bekommen, die schrieben, sie möchten selbst die Entscheidung treffen, wie sie mit dem Virus umgehen.

Nicht alles, was wir tun, fällt in die Kategorien des Guten und des Bösen.

Viele alltägliche Handlungen sind moralisch neutral. Was wir träumen, wie wir Zähne putzen, auf welcher Straßenseite wir gehen. Je größer der Raum wird, in dem wir nicht moralisch urteilen müssen, umso besser. In einer guten Gesellschaft wäre es ohnehin schwer, das moralisch Falsche zu tun.

Fazit zum Buch: Ja, wir brauchen die Philosophie. Dringender denn je. Mit seinem neuesten Werk macht Markus Gabriel ein ebenso attraktives wie notwendiges Denkangebot. Laut eigenen Angaben stellt es einen Versuch dar, Ordnung in das tatsächlich bestehende und wirklich gefährliche Chaos unserer Zeit zu bringen – ein philosophischer Werkzeugkasten zur Lösung moralischer Probleme. Der Wurf ist tatsächlich ein großer, ein gelungener, und untersucht die aktuellen weltweiten Krisen, ausgelöst etwa durch rechtsradikalen Terror, Rassismus und Corona sowie deren Folgen. Wer vor dem Lesen noch kein guter Mensch war, will es danach umso unbedingter werden.

Sylvie-Sophie Schindler