Literatur

19.06. | Buch der Woche

Zadie Smith • Freiheiten

19.06. | Buch der Woche - Zadie Smith • Freiheiten

ZADIE SMITH

Freiheiten

Kiepenheuer & Witsch • 512 Seiten

Zadie Smith verweigert sich einem simplen Schwarz-Weiß-Blick auf die Wirklichkeit. Statt billiger Gags und brutaler Schnitte propagiert sie das durchmischte Leben.

Terzeronen - Was nach Rokoko-Menuett oder Schoko-Nougat-Riegel klingt, ist ein Begriff aus der altamerikanischen Rassenlehre. Er bezeichnet Kinder, deren eines Elternteil weiß, das andere bi-ethnisch ist. Zadie Smith, 1975 als Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers in einer Arbeitergegend in London geboren, schaut mit einem von Ideologie freien Blick auf die Realität. Rassismus ist ihr genauso suspekt wie Gruppen, die mit einem identitären Kompass die Wirklichkeit durchwandern. » Wie schwarz ist schwarz genug? « fragt Smith in ihrem Essay-Band und zeigt damit erneut, dass sich die außerordentliche Brillanz ihres Schreibens nicht auf Ethnie und Herkunft verengen lässt. Hauptthemen Smiths sind seit ihrem sensationellen Debüt » Zähne zeigen « soziale Ungerechtigkeit, Hautfarbe und Religion, durchdrungen werden diese jedoch von einem Grenzen sprengenden Freiheitsdrang. » Freiheiten «, der aktuelle Sammelband, dekliniert in fünf Unterkategorien das große Thema: Smith tanzt durch Sprache und Museen, stromert durch den Boboli-Garten, spürt dem dämonischen Ich nach und gruselt sich an » Get out «, einem satirischen Horror-Thriller, in dem weißes Bewusstsein schwarze Körper parasitiert. » Ich bin vom Wesen her kein politischer Mensch «, behauptet Smith und beweist mit ihren Texten das Gegenteil. Sie lässt sich nicht oktroyieren, ob ihre Kinder, die sie als » eher gelblich « beschreibt, schwarz genug sind, um sich mit » schwarzen « Themen auseinanderzusetzen. » Cultural appropriation « als Ausdruck eines » essenzialistischen « Rassenbildes kontert sie mit einem Zitat Vladimir Nabokovs: » Ist das Leid (…) nicht das einzige auf Erden, was die Menschen wirklich besitzen? « Leid entsteht für Smith vor allem aus Begrenzung und Einengung, der Beschneidung von Freiheit. Soziale Ungerechtigkeiten, die sich in Großbritannien seit mehr als dreißig Jahren verschärfen, träten nun verstärkt zum Vorschein. Dagegen gelte es anzutreten! Nostalgisch an einem überkommenen Freiheitsbegriff zu hängen, sei dabei wenig hilfreich. » Freiheiten verknöchern «, meint Smith. Unsere » Schutzschilde « sollten wir senken, dann würden wir auch » den Lichtblick des schrittweisen Fortschritts « erkennen. » Zeitreisefantasien « und Rechthaberei sieht sie als Hindernisse für gesellschaftliche Entwicklung. Aufs Schärfste verurteilt sie Zensur » durch Plattformentzug, geschützte Räume und dergleichen mehr. « Sie weiß, dass sie sich als literarische Ikone der Unterprivilegierten durch ihr klares Bekenntnis zum Pragmatismus der Kritik aussetzt. Das wiederum war nie Smiths Problem. Sie grämt sich auch nicht, dass sie mit Kultautor J.G. Ballard einen missglückten Smalltalk hat und erkennt in Thomas Bernhard den » Schweinehund «. Freiheit immer wieder neu zu erkämpfen, ist ihr eine wahre Freude, manchmal tut es aber auch Eiscrème: » Für die acht Minuten, die es dauert, ein Ananaseis zu essen, ist selbst die gewaltige Sorge des Schreibens gestillt. « Da dürfen beim genüsslichen Schlecken dann auch gern ein paar Tropfen auf dem Buch landen, solange es sich so vergnüglich unpolitisch-politisch wie Smiths » Freiheiten liest. Ute Cohen