Musik

19.04. | Album der Woche

Jenny Lewis • On The Line

19.04. | Album der Woche - Jenny Lewis • On The Line

Jenny Lewis On the Line

JENNY LEWIS

On The Line

Warner• 22. März

Die Sängerin und Songwriterin Jenny Lewis hat auf ihrem neuen Album eine persönliche Lebenskrise verarbeitet und ist selbst vom Ergebnis überrascht.

Ms. Lewis, Sie haben drei Jahre am neuen Album gearbeitet. Ist es Ihnen schwergefallen loszulassen?

Tut es immer. Nach meinen Maßstäben muss es zu 100% stimmen. Es ist erst beendet, wenn ich es komplett satthabe.

Können Sie es danach denn selbst noch hören?

Zumindest ein paar Jahre nicht. Naja, außer, um meine Songs für Liveauftritte zu lernen. Die Texte suche ich mir im Internet zusammen. Aber da sind sie oft falsch. (lacht)

Viele Künstler sprechen von Werken als Schnappschüsse aus einer bestimmten Lebensphase. Wie sieht Ihr Foto zu » On The Line « aus?

Im Nachhinein verstehe ich die ganze Geschichte. Während ich die Songs geschrieben habe, wusste ich nicht, wohin mich das Leben führt. Im Rückblick sehe ich nun, dass es eine chronologische Erzählung ist; wie ein Theaterstück oder eine Kurzgeschichte. Als ich angefangen habe, daran zu arbeiten, dachte ich, es würde ein Album über das Schlussmachen. Aber es wurde eines übers Auf-die-Füßekommen. Ein Album über das Verhältnis zu meiner Mutter und ihrem Tod sowie meine Wiedergeburt als selbstständige Künstlerin. Das Album verleiht mir ein Verständnis von meinem Leben in den letzten Jahren.

Also tatsächlich wie ein Fotoalbum oder sogar Tagebuch?

Es ist poetisch. Die Gefühle sind echt. Die Namen wurden geändert. Die Gesichter wurden unkenntlich gemacht. Aber es reflektiert exakt mein Leben, auch wenn Details frisiert sind. Wenn man ein Album als Solokünstlerin macht, kann man sich weder hinter dem Bandnamen noch anderen Bandmitgliedern verstecken. Wenn dein eigener Name draufsteht, bist du das. Deswegen nehme ich mir die Zeit, die ich brauche. Außerdem muss ich mein Leben leben. Ich bin zuerst immer Künstlerin und habe entschieden, diesen Status über alles andere zu stellen: Familie, persönliche Beziehungen, Kinder. Aber ich muss zwischendurch mein Leben leben, um weiterhin Brennstoff für das Feuer zu haben.

Die erste Albumsingle heißt » Red Bull & Hennessy «. Klingt nicht gerade, wie eine angenehme Cocktailmischung – was repräsentiert das für Sie?

Es ist ein Gefühl, wie hochgebockt zu sein – wie von Sinnen zu sein. Im Song geht es um den Funken in einer Beziehung und darum, was passiert, wenn er ausgeht. Wie man daran arbeitet, dass er wieder entfacht wird. Es bedeutet viel Arbeit, diese Flamme am Brennen zu halten. Im Grunde geht es um das Ende einer Langzeitbeziehung und die Verzweiflung darüber, sie nicht verlieren zu wollen.

Interview: Jens Mayer

FAZIT : Dass sich Jenny Lewis namhafte männliche Gastmusiker wie Ringo Starr, Beck, Don Was und Benmont Tench als Begleitband für ihr viertes Soloalbum eingeladen hat, zeigt nur, wie selbstbewusst die ehemalige Rilo Kiley-Sängerin ist, denn die Songs und das Album tragen unverkennbar ihre künstlerische Handschrift. Die persönlichen Gefühlsminiaturen – mal traurig, mal beschwingt – sind stets durch ihren wohltuend melancholischen Optimismus geprägt.