18.9. | Album der Woche: Interpol • This Mirror Weighs A Ton

Partisan Records

18.9. | Album der Woche - Interpol • This Mirror Weighs A Ton
Foto: Elliot Lee Hazel

Selbstbetrachtungen

Die latent bedrohliche Atmosphäre, für die Interpol bekannt sind, nimmt auf ihrem neuen Album eine persönliche Dimension an. Die Reise führt nach innen.

Am Anfang hört man eine getragene Klaviermelodie, dann die seltsam entleibte Stimme von Paul Banks, dann einen Frauenchor, der aus dem Jenseits herüber zu wehen scheint. Und irgendwann die Zeilen »In the day I’ll be dancing on your grave«. Der dazugehörige Song heißt »Enemy«, und der erzählt nicht nur, was tagsüber geschieht, sondern auch, was nachts so alles passieren könnte. Es ist ein seltsamer Dualismus, von dem Interpol hier singen, denn es geht darum, dass das, was uns an unseren Feinden fasziniert, dasselbe ist, was einem auch an einem Liebhaber gefallen würde.

»Manchmal sind es die Kämpfe, die wir ausfechten, die uns erst richtig lebendig fühlen lassen«, meint der Sänger. »Und manchmal sind es die Leute, die wir von uns wegstoßen, die wir eigentlich am meisten brauchen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn man ein Trauma zu bewältigen hat, und dabei nicht merkt, dass alles, was man tut, einen gegenteiligen Effekt hat.« Eine »merkwürdige Intimität« stellt Banks da jedes Mal fest, und von dieser Intimität handelt auch das neue Album mit dem ominösen Titel »This Mirror Weighs A Ton«. Von den Traumata möglicherweise auch.

In den ersten 25 Jahren ihres Bestehens war es Interpols Markenzeichen, hinter einer dräuenden Atmosphäre elegante und aggressive Songs zu verstecken, die ein Unwohlsein an der Gesellschaft zum Ausdruck bringen; jetzt wird dieses Unwohlsein näher an der eigenen Person diagnostiziert. Und die Band klingt plötzlich viel versöhnlicher.

Die meisten Songs auf »This Mirror Weighs A Ton« setzen auf eine gedrosselte Geschwindigkeit, um sich in den dunklen Ecken der Seele umzugucken, bei der Instrumentierung dagegen wird Neuland betreten. Zu Gitarre, Bass und Schlagzeug gesellen sich Glockenspiel, Streicherarrangements und Flötentöne; Banks berichtet vom Einfluss von The Cure. Und davon, dass sich seine Texte dies mal mit der »Last der Erinnerungen« beschäftigen und mit einer Resilienz, die verhindert, dass alles in einem großen Loch von Reue und Bedauern verschwindet.

Das ist nach wie vor geheimnisvoll und vage genug gehalten, um sich beim Hören ein eigenes Spinnennetz zu weben. Es hat aber auch eine Komponente, die von einer neuen Verletzlichkeit zeugt. »Es ist nicht so, als wünschte ich mir, die Vergangenheit wäre nie geschehen«, sagt der Sänger. »Es geht eher darum, sich damit auseinanderzusetzen, was man erlebt und was man getan hat. Auch wenn einem das manchmal schwer vorkommt.«


Interpol - This Mirror Weighs A Ton Album Cover

INTERPOL
This Mirror Weighs A Ton
Partisan Records, 28. August

»Turn On The Bright Lights« hieß das erste Interpol-Album, und das war immer schon etwas ironisch, weil diese Musik am besten in abgedunkelten Räumen funktioniert. »This Mirror Weighs A Ton« hält der Band einen Spiegel vor: Nicht die Welt ist die große Unbekannte, sondern die eigene Psyche. Auf zunehmend leiseren Sohlen nähert sich die Gewissheit, dass wir alle unseres eigenen Schicksals Schmied sind, und wenn das so klingt wie in »So Rides The Reindeer«, fällt dabei auch eine gehörige Portion Trost ab.

Markus Hockenbrink


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