Literatur

18.03. | Buch der Woche

Zora Neale Hurston • Barracoon

Penguin · 24. Februar

18.03. | Buch der Woche - Zora Neale Hurston  •  Barracoon

Zora Neale Hurston
Barracoon
Penguin - 224 Seiten

Großes Loch im Hals

Cudjo Lewis war der letzte Überlebende des US-amerikanischen Sklavenhandels. Im Sommer 1927 vertraute er Zora Neale Hurston sein Leben an.

„Der Mann, der meinen Jungen getötet hat, ist heute Pfarrer von Hay Chapel in Plateau“ – damals noch Hilfssheriff, versteckte sich der Mörder im Rückraum eines Lieferwagens und schoss Cudjos Sohn feige in den Hals. Ein banaler Streit sei der Grund gewesen. Es sollte nicht der letzte Verlust des Cudjo Lewis bleiben, der eigentlich Oluale Kossola hieß. Nicht das letzte Loch, das ihm, dessen afrikanischer Name so viel bedeutet wie „meine Fru?chte gehen nicht mehr verloren, meine Kinder sterben nicht mehr“, in seine Seele gerissen wurde.

Bereits Jahrzehnte zuvor waren es Löcher im Bollwerk seines afrikanischen Stammes. Sie ermöglichten Eindringlingen aus Dahomey, Cudjos Volk grausam abzuschlachten. Er selbst war jung und stark genug, um einen geeigneten Gegenwert darzustellen. Für jene Amerikaner, die im Hafen von Whydah darauf warteten, dass sich die Barracoons mit verschleppten Arbeitskräften füllten. Löcher – auch während der Überfahrt, zwischen Schiffsplanken, sodass die tosende Gischt die auf engstem Raum Kauernden mit salziger Feuchtigkeit bedecken konnte. „Das Wasser, verstehst du, hat ganz viel Lärm gemacht! Es hat gegrollt wie tausend wilde Tiere im Busch. Der Wind hat auf dem Wasser so eine laute Stimme gehabt. O Gott!“ 60 Millionen Afrikaner wurden über die Mittelpassage gen Westen verschleppt, zwölf Millionen überlebten das Martyrium. Cudjo war einer von ihnen.

Auf Unmenschlichkeit folgt Wut, auf Grausamkeit Rache – oft bemühte Motive, die Cudjos Haltung gerade nicht definieren. Nicht das Erwartbare schwingt in seiner Stimme mit, sondern Sanftmut. Cudjo erträgt die Entwurzelung, alle Ungerechtigkeit und brennende Peitschenhiebe. Nach der Befreiung durch die Yankees öffnet er sich dem christlichen Glauben, baut sogar eine Kirche. Und doch muss er mitansehen, wie ein Nachkomme nach dem anderen an Krankheit oder Rassismus stirbt. Es sind jene Löcher, die seinen Lebensweg gnadenlos perforieren, die ihn vor die härtesten Proben stellen.

Seine Erinnerungen eröffnen neue Perspektiven auf das Drama. Auf Bedingungen, die lange ignoriert wurden: Afrikaner, die den Sklavenhandel erst ermöglichten. Die gieriger und grausamer noch waren als ihre westlichen Pendants. Später dann am Ziel der Odyssee die Ausgrenzung durch andere Farbige, die das zweifelhafte Privileg des Dort-geboren-seins zum Anlass von Ausgrenzung nahmen. Ein begleitendes Kapitel im englischen Original darf als dezenter Hinweis verstanden werden, dass die Übersetzung Cudjos nonkonformer Ausdrucksweise schwierig bis unmöglich war. Allerdings ist es ohnehin nicht sie, die den Bericht zum Vermächtnis werden lässt. Vielmehr die Essenz, Mensch zu bleiben trotz all der Qual. Verloren zwischen zwei Welten, nirgends zu Hause – und doch am Leben. Manchmal sogar glücklich. Cudjo findet eine Frau, die er liebt. Seine größte Motivation bleibt stets, dass sich in Afrika jemand an ihn erinnert. „Wir von drüben überm Wasser“, wird er sagen – und seine Heimat nie wiedersehen.

Christian Lamping