17.6. | Buch der Woche: Andreas O. Loff • Das geht nicht mehr weg

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17.6. | Buch der Woche - Andreas O. Loff • Das geht nicht mehr weg
Foto: Bettina Theuerkauf

Teufelswerk oder Traummaschine? Der Produzent und KI-Experte Andreas O. Loff erklärt in seinem ersten Buch »Das geht nicht mehr weg« erfrischend unaufgeregt die Welt der Künstlichen Intelligenz – mit Fokus auf ihre kreativen Möglichkeiten.

Andreas O. Loff, Sie mögen es nicht, wenn jemand von »der KI« spricht. Wieso nicht?

Weil es nicht nur technisch wahnsinnig ungenau ist, sondern auch vielen Menschen Angst macht. Gerade Menschen, die keine Ahnung von den Tools und der Technologie haben und dann Schlagzeilen lesen wie »Die KI wird uns 2030 vernichten«. KI ist erst mal nur die Infrastruktur-Technologie, nicht die große monolithische Entität. Also muss ich die KI-Werkzeuge konkret benennen. Niemand würde sagen: »Ich habe mit Strom ein Loch in die Wand gebohrt.«

Warum wollen Sie den Leuten die Angst nehmen?

Weil ich sehe, dass Angst lähmt. Wer annimmt, die Welt gehe sowieso unter, der handelt auch nicht. Dabei bietet die Technologie inzwischen so viele Möglichkeiten, sie mitzugestalten, dass mich eine fast verzweifelte Wut überkommt, wenn jemand sie aus Ignoranz ablehnt – nach dem Motto: »Das ist KI? Dann will ich das nicht!« Was allein insofern Quatsch ist, da KI längst in so vielen Anwendungen steckt, die wir alle täglich verwenden.

Sie sind Podcaster und Filmemacher, waren in der Vergangenheit schon Flugbegleiter, Start-up-Gründer und Datentüftler. Was ist denn jetzt Ihre Berufsbezeichnung – »AI Creative Expert«?

Diese Bezeichnung mag ich gar nicht. Am besten trifft es wahrscheinlich »Geschichtenerzähler«. In einer LinkedIn-Bio würde vermutlich »Storyteller« stehen. Ich weiß gerade gar nicht, ob ich das nicht wirklich in mein Profil geschrieben habe. Ich hoffe nicht! Am Ende des Tages geht es mir jedenfalls darum, Geschichten zu erzählen, ob visuell oder in einem Podcast. Was es mir in den vergangenen Jahren tatsächlich schwer gemacht hat, eine passende Berufsbezeichnung zu finden.

Die Tür zur KI-Welt hat Ihnen die Tochter eines Freundes in Portugal aufgestoßen.

Zur generativen Form der KI. Dieses Kind hat auf einer Wanderung vor sich hin geredet und sich selbst auf eine ganz merkwürdige Art und Weise die Landschaft beschrieben. Harper, so heißt sie, hat quasi Prompts gesammelt, um später den Bildgenerator Midjourney mit ihren Eindrücken füttern zu können und die Bilder zu bekommen, die sie sich wünschte. Das war für mich ein Aha-Moment: Dieser Skill, präzise beschreiben zu können, was man sehen, hören oder entwickeln möchte, muss unsere neue Premium-Fähigkeit sein.

Inwiefern?

Wenn ich nur beschreibe, dass da ein Baum steht, haben Sie einen anderen Baum vor Augen als ich. Wenn ich sage: Er steht auf einer Wiese, wissen Sie immer noch nicht, welchen Baum ich meine. So geht es auch der Maschine. Rick Rubin, der kein Instrument spielt, keine Noten lesen kann und auch nicht in der Lage ist, das Schaltpult im Studio zu bedienen, ist deswegen so ein genialer Musikproduzent, weil er extrem gut beschreiben kann, was er hören möchte. So genau, dass ein Musiker das umsetzen kann. Das ist der Skill, der uns mit Hilfe der Maschine zu Zauberern macht.

Sie haben mit KI-Tools unter anderem den Anti-AfD Film »Oma, was war noch mal dieses Deutschland?« produziert. Wie kam es dazu?

Ich hatte zuvor ein paar lustige Trailer gemacht wie »Grand Theft Auto 6, Sylt Luxury Version«, der auch viral ging. In einem anderen ging es um eine Gruppe bewaffneter Nonnen. Als dann im Januar 2024 die Recherche über das Geheimtreffen von Rechten in Potsdam und ihre sogenannten Remigrationspläne veröffentlicht wurde, meinte ein Freund zu mir, dass man darüber eigentlich einen Film machen müsste. Ich antwortete ihm in einer Sprachnachricht: Das ist ja erst mal keine Geschichte. Eine Geschichte wäre eine Art Science-Fiction-Film, der 2060 in einem afrikanischen Land spielt. Ein Kind fragt seine Großmutter: »Oma, was war noch mal dieses Deutschland?« Und daraufhin erzählt sie, wie es damals zur Machtübernahme der AfD kam. In dem Moment, in dem ich das aufnahm, wurde mir klar: Genau diesen Film müssen wir machen

Normalerweise bräuchte es dann ein Set und ein Filmteam ...

Das Set hätte ich auch wirklich gern gebaut. In richtig guten Filmen sieht man, wie die Gewerke ineinandergreifen, wie viel Detailverliebtheit in den Bauten oder Kostümen steckt. Aber dafür hätten wir ein großes Budget und ein Dreivierteljahr Zeit gebraucht. Beides hatten wir nicht. Also war die Idee, mit KI-Tools zu arbeiten, die damals zumindest schon ein paar Sekunden Animation erlaubten, und Menschen wie Atze Schröder, Micky Beisenherz und andere anzusprechen, ob sie sich mit ein bisschen Geld beteiligen können, weil wir die Cutter und Autoren fair bezahlen wollten. So konnten wir den Film innerhalb von zwei Monaten realisieren.

Sie schreiben: »Die Menschen lassen sich von KI-Kunst durchaus berühren. Aber viele reagieren fast beleidigt, wenn sie erfahren, dass KI am Werk war.« Wieso?

Weil die Technologie noch so neu ist. Als die Fotografie aufkam, haben viele Maler sie auch als Teufelswerk gesehen. Ich kann dazu nur den Film »Tim’s Vermeer« von Tim Jenison empfehlen, einem der Erfinder von CGI (Anm.: Computer Generated Images), der mehrere Emmys gewonnen hat. Jenison nimmt die Bilder von Johannes Vermeer unter die Lupe und kommt zu dem Schluss: Dieses Malergenie muss technische Hilfsmittel benutzt haben. Das menschliche Auge kann Weißtöne und Helligkeit gar nicht so unterscheiden, wie es in seinen Bildern passiert. Was Jenison herausfindet, will ich nicht spoilern!

Trotzdem haben gerade Kreative oft Vorbehalte gegen Künstliche Intelligenz.

In den vergangenen Jahren habe ich oft von Fotografinnen und Fotografen gehört: KI bildet ja nicht die Realität ab. Aber eine Linse und ein Winkel bilden auch nicht die Realität ab, sondern eine Perspektive auf die Realität. Inzwischen ändert sich die Stimmung. Viele Fotografen oder Grafiker merken, dass KI-Tools ihnen gewisse Arbeitsschritte erleichtern, ohne ihnen künstlerisch etwas wegzunehmen.

Viele fühlen sich eben dadurch bedroht, dass die Tools jetzt allen zur Verfügung stehen.

Ich könnte jetzt über die Musikprofessoren im 18. Jahrhundert sprechen, die meinten, wenn Klaviere in der Mittelschicht ankämen, hörten wir nur noch Schrott und Musik müsse an Königshäusern oder in der Kirche passieren. Das ist doch das Schöne an der Demokratisierung von Herrschaftswissen: Alle können darauf zugreifen. Klar kommt dabei auch Schrott heraus. Wenn der ITler denkt, er hätte mit KI ein schönes Bild produziert, sieht der gelernte Grafiker das noch lange nicht so. Der wird mit denselben Tools ein schöneres Bild herstellen können. Ich besitze auch Hobel und Säge, wäre aber nicht in der Lage, einen Tisch zu bauen wie ein professioneller Tischler.

Die gesamte Filmgeschichte ist auch eine Geschichte der technischen Innovationen, von Fritz Langs »Metropolis« bis zu James Camerons »Avatar«-Reihe. Aber wenn die Technik die Hauptrolle spielt, wird es öde. Sie zitieren Martin Scorsese, der beklagt, die Marvel Blockbuster seien keine Filme mehr, sondern Freizeitparks.

Und da gebe ich ihm Recht. Wenn man sich diese CGI-Weltuntergangsfilme von Roland Emmerich und Co. anschaut, wird man auch irgendwann müde. Aber das Menschliche verschwindet ja nicht, wird es auch nie. Schon weil wir uns für das Leben der Schauspielerinnen und Schauspieler interessieren, mit allem Klatsch und Tratsch. Die Leute gehen ja auch auf Konzerte, um echte Sänger zu erleben. Es ändern sich lediglich die Produktionsweisen. Ich war mal im Studio der Band Truck Stop, da standen noch diese riesigen alten Bandmaschinen, an denen Toningenieure per Handschneiden mussten. Eine Billie Eilish braucht heute gar kein Studio mehr, die produziert mit ihrem Bruder zu Hause vor dem Computer.

Wird man in Zukunft noch unterscheiden können, ob ein kreatives Werk von Menschen oder Maschinen stammt? In den USA werden schon Bücher mit dem Aufkleber »human written« verkauft.

Ich habe für mein Buch auch KI benutzt, aber den Text trotzdem selbst geschrieben oder in mein iPhone gesprochen. Die Tools haben mich zum Beispiel darauf hingewiesen, dass ich hier und da in den Zeiten gesprungen bin. Wenn mich jemand fragt, wie ich einen guten Text mit ChatGPT schreibe, sage ich: Schreib was Eigenes und lass dir bei der Überarbeitung helfen. Wenn ich einer KI nur sage, sie soll mir einen Text schreiben, bekomme ich Durchschnitt. Selbst wenn ich prompte, dass sie ihn im Stil der New York Times verfassen soll.

An Schöpfungen mit Künstlicher Intelligenz

hängen ja auch Eigentumsfragen. Wie könnte ein Urheberrecht aussehen, das dem KI- Zeitalter entspricht? Dazu möchte ich gern James Cameron zitieren: Wir müssen das Urheberrecht vom Output her denken. Ich kann relativ leicht einen Darth Vader auf dem Einhorn fabrizieren. Wenn ich das Bild dann allerdings kommerziell verwerte, muss ich mich nicht wundern, wenn Disney anklopft. Auf der anderen Seite werden die KIs aber von kommerziellen Diensten mit dem Wissen der gesamten Menschheit trainiert, das eigentlich uns allen gehört. Das heißt, die Konzerne, die mit diesem Wissen in irgendeiner Form Geld verdienen, müssten einen Teil des Gewinns an uns alle zurückgeben. Ich nenne das in meinem Buch »Maschinensteuer«.

Das Buchcover hat Jonathan Meese gestaltet. Sie schreiben: »Die Kunst beginnt da, wo es unkontrolliert, wild, menschlich wird.« Wie wird die kreative Rollenverteilung zwischen Mensch und KI künftig aussehen?

Wer sich mit den Tools schon ein bisschen beschäftigt hat, der weiß, dass man zum Beispiel bei Bildgeneratoren sehr verrückte Sachen einfügen kann – und dann kommt manchmal das Chaos der Maschine dazu. Die schlägt ein Bild vor, das plötzlich eine neue Idee zündet. Das wäre also eine Form von Ko-Kreativität. Ich plädiere auch dafür, mit mehreren verschiedenen Tools zu arbeiten und sie zu orchestrieren wie ein Dirigent. Das ist die Rolle, in der ich den Menschen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz sehe.


Andreas O. Loff - Das geht nicht mehr weg

ANDREAS O. LOFF
Das geht nicht mehr weg
Rowohlt Polaris / 240 Seiten / 18€

»Wer nur zuschaut, verpasst die Revolution.« Das ist ein Schlüsselsatz im Buch von Andreas O. Loff, das schon im Titel nahelegt: Ein Zurück hinter das KI-Zeitalter ist undenkbar. Also müssen wir das Beste aus der neuen Technologie machen – ohne uns naiven Heilsversprechen oder hysterischen Weltuntergangsfantasien hinzugeben. Und dafür braucht es Wissen. Das liefert Loff mitnehmend und oft humorvoll. Er beschreibt die Geschichte der Künstlichen Intelligenz im Schnelldurchlauf, beleuchtet Risiken, vor allem aber Chancen, die sich mit KI bieten. Wie die Forscherin Florence Gaub im Vorwort schreibt: »Die Zukunft kommt – und sie wird von denen gestaltet, die sie verstehen.« Das Hörbuch (Argon) hat Andreas O. Loff selbst eingelesen.

Patrick Wildermann


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