17.4. | Album der Woche: José González • Against The Dying Of The Light

City Slang

17.4. | Album der Woche - José González • Against The Dying Of The Light
Foto: Ellika Henriksson

Schneller schlau

Auf seinem neuen Album sucht und findet José González das Universum in seinen kleinsten Bestandteilen. Existenziellen Sorgen steht dabei die Erkenntnis gegenüber, dass die Menschheit entgegen allem Anschein doch nicht zum Scheitern verurteilt ist. Sanfter als hier hat Positivität wohl noch nie geklungen.

Als das mit der Corona-Pandemie losging, hat José González sich so verhalten wie die meisten von uns. Viel Hände waschen, viel selber kochen, viel mit den Kindern spielen. Außerdem hat er eine Menge Bücher gelesen, von denen ihm besonders eins in Erinnerung geblieben ist: »The Precipice« vom australischen Ethiker Toby Ord. Der Untertitel des knapp 500-seitigen Wälzers verrät, dass es innen um die »existenziellen Risiken und die Zukunft der Menschheit« geht, beides Themen, die González schon immer interessiert haben.

Bevor er Musiker wurde, hatte der Schwede schon ein Studium als Biochemiker und Molekularbiologe begonnen, geblieben davon ist vor allem die Neugier auf wissenschaftliche Fakten. Auch wenn die manchmal etwas unbequem sind. Für Ord stellen nämlich nicht Naturkatastrophen wie Pandemien, Asteroidenschauer oder Vulkanausbrüche die unmittelbarste Gefahr für den Fortbestand der Menschheit dar, sondern – Überraschung! – die Menschheit selbst. Und neu mit im Gepäck: die Gefahren, die von einer KI-gesteuerten Superintelligenz ausgehen, und die sich eines Tages gegen ihren eigenen Schöpfer richten könnte. »Vom Prinzip sagt dieses Buch eigentlich, dass wir in den nächsten 100 Jahren aussterben könnten, wenn wir nicht endlich unsere Hausaufgaben machen«, sagt der Sänger. »Als menschliche Rasse lernen wir Dinge über uns und unsere Umgebung gerade in einer ganz erstaunlichen Geschwindigkeit. Es ist nur so, dass dieses Wissen sehr ungleich verteilt ist.« Science-Fiction-Filme wie »Terminator 2« lassen sich aus solchen Themen hervorragend machen, aber wie schreibt man Songs darüber?

Für den Titel seines neuen Albums »Against The Dying Of The Light« hat sich José González von Dylan Thomas’ berühmtem Gedicht inspirieren lassen, das mit der Zeile »Geh nicht gelassen in die gute Nacht« beginnt und ebenfalls davon handelt, dass man das Ersterben des Lichts nicht einfach so hinnehmen soll. Im übertragenen Sinne. Mit zur Ironie gehört nämlich auch, dass, je heikler sich die Zeiten anfühlen, umso mehr Vertrauen in die falschen Personen gesetzt wird, die sich zumindest im Internet an jeder Ecke tummeln: Weltuntergangspropheten mit einer eigenen Agenda, gewissenlose Geschäftemacher, religiöse Fanatiker mit kruden Vorstellungen.

»Für mich als Ungläubigen ist es fast schon komisch, wenn sich diese Leute ihrer Sache so sicher sind, obwohl es eindeutig ausgedachte Geschichten sind«, meint José González, dessen Rationalität ihn an anderer Stelle davon abhält, allzu amüsiert oder allzu wütend auf diese Ignoranz zu reagieren. »Against The Dying Of The Light« ist wie fast schon üblich bei ihm eine ausgesprochen ruhige, besinnliche und höfliche Angelegenheit geworden, bei der sich Stimme und Gitarre geradezu einschmeicheln. »Meine Songs beginnen mit der Musik«, sagt der Sänger. »Ich versuche, mir interessante Melodien und Akkordfolgen auszudenken, die Menschen gefallen. Die Texte sind so, dass man sich aussuchen kann, ob man darüber nachdenken möchte oder nicht. Aber wer etwas in den Texten suchen möchte, der soll es auch finden.«

So wie im Song »Sheet« zum Beispiel, der in charakteristischer Freundlichkeit davon handelt, dass Leute, die keine Ahnung von etwas haben, doch bitte gefälligst mal die Klappe halten sollen, wenn die Erwachsenen reden. »It’s time to grow up«, singt González an zentraler Stelle, und damit meint er nicht nur individuelle Personen, sondern die Menschheit insgesamt. »Erwachsen zu werden kann ein bitteres Gefühl sein«, meint er. »Weil man dann nämlich ahnt, dass es nicht ausgemachte Sache ist, dass am Ende alles gut wird. Es kann angenehm sein, die Augen vor der Realität zu verschließen, aber das ist keine Lösung. Wir leben in einer Welt, die sich rasant verändert. Da hilft alles nichts: Wir müssen schneller schlau werden.« Und weil der letzte Song auf dem Album »Joy (Can’t Help But Sing)« heißt, kann man den Verdacht bekommen, dass José González am Ende trotz allem ein Optimist ist. Stimmt sogar fast. »Der berühmte Arzt Hans Rosling pflegte immer zu sagen, er sei kein Optimist, sondern ein Possibilist. Und so sehe ich das eigentlich auch.«


José González Against The Dying Of The Light

JOSÉ GONZÁLEZ
Against The Dying Of The Light
City Slang • 27. März

Eigentlich wollte José González für sein neues Album nur Mörderballaden aufnehmen, Nick Cave lässt grüßen. Doch schon nach einem Song (»U – Rawls Slöja«) war die Thematik für ihn erschöpft, weshalb er sich dem großen Ganzen zuwendet: den Menschen, der Erde, dem Universum. »Against The Dying Of The Light« versteht sich als Trostpflaster für unruhige Zeiten, und selbst wer gerade erst auf dem Planeten gelandet ist, kann das heraushören. González singt abwechselnd auf Schwedisch, Spanisch und Englisch, als Übersetzerin steht seine sanft gezupfte Gitarre zur Verfügung. »A Perfect Storm«, wie das erste Stück heißt, wird aus dieser Musik vielleicht nicht, eher die milde Brise, die durchs Gras weht und einem warm über den Bauch streift. Das soll demnächst öfter passieren, und zwar nicht nur jahreszeitlich bedingt, sondern auch lebensanschaulich.

Markus Hockenbrink


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