17.12. | Buch der Woche: John Irving • Königin Esther

Diogenes

17.12. | Buch der Woche - John Irving • Königin Esther

Von wegen Ruhestand

Eigentlich sollte »Der letzte Sessellift« John Irvings letzter Roman sein. Weit gefehlt: In »Königin Esther« lässt er altbekannte Charaktere wieder aufleben und vereint erneut alle seine Lieblingszutaten.

Manchmal beobachtet man im Supermarkt interessiert, was die Person vor einem auf das Kassenband legt und überlegt, welches Gericht mit diesen Lebensmitteln dort auf dem Esstisch landen könnte. Möhren, Sellerie, Zwiebeln, Rotwein, Tomatensauce, Hackfleisch und Parmesan? Das endet im Kochtopf wahrscheinlich als Spaghetti Bolognese. Aber dieses Quiz lässt sich nicht nur beim Einkaufen spielen, sondern auch in der Popkultur.

Ein Film, bei dem eine Splatterszene von melodiöser Musik unterlegt ist, plötzlich eine Nahaufnahme eines Fußes auftaucht und die Protagonisten (von Samuel L. Jackson oder Uma Thurman gespielt), die zum Essen bei Big Kahuna Burger einkehren, oft mit Trunk-Shots gefilmt werden? Wer diese Zutaten zu einem kohärenten Leckerbissen vereint, kann nur Quentin Tarantino sein. Wenn in einem Roman die Komponenten Prostitution, Ringen, fehlende Gliedmaßen, ein Lehrer oder Schriftsteller mit einer ausgewachsenen Obsession für Charles Dickens und Haustiere mit sonderbaren Namen zusammenkommen, dann ist ebenso klar, wer hier im wahrsten Sinne des Wortes den Stift führt.

John Irving schreibt nach wie vor alle seine Manuskripte per Hand. Nur zweieinhalb Jahre nach »Der letzte Sessellift« legt er mit »Königin Esther« nach und lässt gleich zu Beginn des Romans alle Fanherzen höherschlagen, indem er altbekannte Romanfiguren erneut auf die Bühne holt. Constance und Thomas Winslow, die in dem fiktiven Örtchen Pennacook wohnen und von deren Bewohnern aufgrund ihres freien Geistes oft mit Argwohn bedacht werden, sind auf der Suche nach einem Kindermädchen für ihr viertes Kind Honor.

Fündig werden sie im Waisenhaus »St. Cloud’s«, wo Dr. Larch die vierzehnjährige Esther Nacht in ihre Obhut gibt. Einziger Wermutstropfen ist, dass die Reunion mit einigen der Protagonisten aus Irvings Erfolgsroman »Gottes Werk und Teufels Beitrag« nur kurz ausfällt. Obwohl Esther Nacht titelgebend für den 16. Roman Irvings ist, spielt sie keinesfalls die Hauptrolle. Vielmehr bleibt sie eine mysteriöse Frau, die stets im Verborgenen agiert. Kurz nachdem sie Honor den wohl größten Gefallen tut – ein Kind für sie auszutragen –, verschwindet sie weitestgehend von der Romanoberfläche und macht Platz für ihren Sohn Jimmy Winslow, der fortan im Zentrum der Handlung steht.

Während der Anfang des Romans teils langatmig ist und mit seinen ausufernden Erklärungen aller möglichen Sachverhalte (die Mayflower, Beschneidungen, Abtreibung) eher einer Geschichtsstunde gleicht, nimmt »Königin Esther« Fahrt auf, sobald Jimmy für ein Auslandssemester nach – wohin auch sonst – Wien aufbricht.

In dieser Episode schafft Irving seine typisch schrulligen Charaktere, die dem Leser mit ihren Eigenarten und der unverblümten Direktheit mancher Aussagen, sofort ans Herz wachsen. Die politische Komponente in »Königin Esther« bleibt für die Komplexität der Thematik etwas zu oberflächlich. Esther, deren Mutter von Antisemiten ermordet wurde, begibt sich erst in Wien und anschließend in Israel auf Spurensuche nach ihren Wurzeln und ist später für den Mossad tätig.

Diesen Handlungsstrang und mit ihm die Identitätsfragen und den Nahostkonflikt, lässt Irving allerdings nur verschwommen im Hintergrund immer wieder durchscheinen, ohne ihn konkret zum Thema zu machen. Obwohl »Königin Esther« laut eigener Aussage vor den Ereignissen des siebten Oktobers konstruiert wurde, hinterlässt es einen faden Beigeschmack, ein Thema von solcher Brisanz nur zu touchieren.

Katharina Raskob


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