Literatur

17.10. | Buch der Woche

Lina Wolff • Die polyglotten Liebhaber

17.10. | Buch der Woche - Lina Wolff • Die polyglotten Liebhaber

Masturbierende Affen

Die schwedische Schriftstellerin Lina Wolff schreibt aus entschieden feministischer Perspektive. In ihrem neuen Roman führt sie die männliche Frauenverachtung vor Augen.

„Men are not so much gifted with penises as cursed with them”, schreibt Stephen King in seinem Roman „Das Spiel“, in dem sich ein Ehepaar Fesselspielchen hingibt, die folgenschwer aus dem Ruder laufen. Der selbstverliebte Schriftsteller Max Lamas erinnert sich an diesen Satz und liefert seine Interpretation gleich mit. „In der Regel geht man davon aus, die Männer hielten das Ruder in der Hand, aber das stimmt nicht. Sie versuchen zwar zu steuern, scheitern aber daran." Der zweite Roman der schwedischen Autorin Lina Wolff erzählt von Männern, die meinen, sie würde dieses Scheitern nicht ereilen, und von Frauen, die, wenn schon nicht ihr Leben, dann doch zumindest die Männer, die sie in letzteres hineinlassen, fest im Griff haben. Eine dieser Frauen ist Ellinor, eine der drei Erzählstimmen. Sie lernt als Jugendliche, sich wie ein Junge zu prügeln, und sucht später nach einem „zärtlichen, aber nicht allzu zärtlichen Mann“. Den findet sie in dem übergewichtigen Literaturkritiker Calisto und nach einer Nacht, die ebenfalls aus dem Ruder läuft, macht sie sich in seinem Leben breit. Dabei stößt sie auf das Manuskript des Romans „Die polyglotten Liebhaber“, das Calisto anvertraut wurde. Dieser autobiografische Roman im Roman handelt von einem Schriftsteller namens Max Lamas – dem zweiten Erzähler – und seiner Suche nach der perfekten Frau. Diese soll nicht nur seine elf Sprachen beherrschen, sondern Schönheit, Erinnerung und Unnahbarkeit in sich vereinen. Seine Suche führt ihn bis nach Italien und zur dritten Erzählerin Lucrezia, bei der die Geschichte des Manuskripts, das Ellinor in einem Racheakt zerstören wird, ihren Anfang nimmt. „Männer schreiben über Männer und Sex.“ Lina Wolff schreibt über Männer und Frauen und Sex, und zwar anders als Bukowski, Houellebecq und Co. Sie entlarvt in ihrem Roman die gesellschaftliche Misogynie, indem sie sie vorführt. In einem Interview beklagte sie jüngst „die Zurschaustellung des weiblichen Körpers“ und „die Brutalität, der junge Frauen ausgesetzt werden“. Doch genau das feiern Wolffs männliche Protagonisten im neuen Roman. Das klingt dann so: „Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt ich das gesamte Selbstwertgefühl einer Frau. Ich hatte die uneingeschränkte Macht. Ich konnte sie begnadigen. Ich konnte sie brechen.“ Diese Haltung wird in dem, mit dem renommierten schwedischen Augustpreis ausgezeichneten Roman vielfach ironisch gebrochen. Lina Wolff gehört seit der Veröffentlichung ihres preisgekrönten Debütromans „Bret Easton Ellis und die anderen Hunde“ neben Autorinnen wie Mirandy July und Maggie Nelson zu den neuen feministischen Stimmen. In diesem Debüt bezeichnet die junge Schriftstellerin Alba Cambó Autoren wie Houellebecq, Ellis oder Alighieri als „träge masturbierende Affen in überhitzten Käfigen“, die „die Buchseiten mit Sperma vollspritzen“. Lina Wolff schreibt mit Witz, Charme und Provokation über Sex und Emanzipation. Dabei versteht sie zu unterhalten, ohne das große Ganze aus dem Auge zu verlieren.

Thomas Hummitzsch

LINA WOLFF

Die polyglotten Liebhaber

Hoffmann & Campe • 04. Oktober