Literatur

16.12. | Buch der Woche

Esther Safran Foer • Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

Kiepenheuer & Witsch

16.12. | Buch der Woche - Esther Safran Foer • Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

Esther Safran Foer
Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

Kiepenheuer & Witsch, 280 Seiten

ALLES IST IM DUNKELN

Die US-Amerikanerin Esther Safran Foer setzt in ihrem Buch „Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ die Fragmente einer persönlichen Geschichte des Holocaust zusammen.

Wenn Familiengeschichten Landkarten wären, dann hätte die von Esther Safran Foer erstaunlich viele weiße Flecken. Nicht mal ihre eigene Biographie bietet Gewissheit. „Auf meiner Geburtsurkunde steht, dass ich am 8. September 1946 in Ziegenhain, Deutschland geboren wurde. Falsches Datum, falsche Stadt, falsches Land“. So beginnt „Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“, das auf den folgenden knapp 300 Seiten den bemerkenswerten Versuch unternimmt, Licht in das Dunkel einer Vergangenheit zu bringen, die auch die Gegenwart noch mächtig überschattet.

Foer beschreibt sich selbst als „aggressive Sammlerin“, die Reste der Berliner Mauer, Sandstein vom Uluru-Felsen in Australien oder kleine Trümmerstücke aus dem Warschauer Getto hortet, „eine Frau mit einer Mission, die Stücke persönlicher Geschichte in Ziploc-Beutel stopft“. Mit derselben obsessiven Akribie spürt sie nun dem Leben ihrer Eltern nach, die 1945 geheiratet hatten, als Holocaustüberlebende. Wobei Foers Mutter Ethel Bronstein diese Bezeichnung nie für sich in Anspruch nahm. Sie sollte denjenigen vorbehalten bleiben, die ins Konzentrationslager verschleppt worden waren. In Bronsteins Heimat-Schtetl in der heutigen Ukraine wurden jüdische Menschen hingegen von deutschen Tötungskommandos und Kollaborateuren erschossen. Man spricht vom „Holocaust der Kugeln“. Bronstein hat ihrer Tochter nie viel über den Krieg erzählt. Es gab vereinzelte, wiederkehrende Anekdoten, die blankes Entsetzen aufblitzen ließen. Und sehr viel Schweigen.

Esther Safran Foer – die tatsächlich im polnischen ?ód? geboren wurde und die frühe Kindheit in einem Vertriebenenlager in Deutschland verbrachte – ist selbst Mutter dreier Bestseller-Autoren. Darunter Jonathan Safran Foer, der 2002 seinen preisgekrönten Debütroman „Alles ist erleuchtet“ veröffentlichte – die fiktionale Geschichte einer Reise auf den Spuren seines Großvaters im Schtetl Trochenbrod. Wo Jonathan die Lücken im familiären Mosaik mit Fantasie füllte und zu einer ganz eigenen Wahrhaftigkeit fand, da geht es seiner Mutter Esther nun um die nackte Wahrheit der Fakten. Mit Fotos und Landkarten im Gepäck macht sie sich auf in die Ukraine, um zwei Geheimnisse zu lüften: Welche mutigen Menschen haben ihren Vater Louis Safran während des Krieges versteckt? Und wer war dessen erste Frau, die ebenso wie die gemeinsame Tochter – Esthers Halbschwester – von den Nazis ermordet wurde?

„Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ ist eine herausfordernde, komplexe, weit in die verschiedenen Verwandtschaftszweige und Immigrationswege ausgreifende Lektüre. Und eine unbedingt lohnende. Safran Foer dringt immer wieder zu Schmerzpunkten in der eigenen Biographie vor, etwa, wenn sie die Abschiedsbriefe ihres Vaters findet, der sich das Leben genommen hat. Da war die Tochter gerade acht Jahre alt. „Es tut mir leid, dass euch dieses Unglück ereilt. Es muss so sein“, schreibt Louis Safran, der wohl den Holocaust nie verwunden hat. Umso wichtiger bleibt es, davon zu erzählen, denn: „Geschichte ist ein Ende. Erinnerung ein Anfang.“

Patrick Wildermann