Musik

16.10. | Album der Woche

Katie Melua • Album No. 8

BMG

16.10. | Album der Woche - Katie Melua • Album No. 8

Katie Melua
Album No. 8

BMG • 16. Oktober

Wo ist all die Liebe hin?

Mit ihrem »Album No.8 « geht Katie Melua neue Wege: Die Musik besitzt mehr Tiefe und Groove, erstmals schrieb sie alle Texte selbst. Das Thema der Songs lag auf der Hand: das Scheitern ihrer Ehe nach acht guten Jahren. Dass die Musik nicht in Selbstmitleid versinkt, liegt vor allem daran, dass Melua auf das Ende der Beziehung mit der Vorfreude auf die Zukunft reagiert.

Katie Melua war elf Jahre alt, als ihre Familie von Georgien nach Nordirland zog, wo ihr Vater, ein Herzchirurg, Arbeit gefunden hatte. Mit 13 ging es weiter nach London, mit 15 nahm sie an einem Talentwettbewerb im Fernsehen teil, und kaum hatte sie sich an einer Musikhochschule eingeschrieben, wurde sie von Mike Batt entdeckt, einem geschäftstüchtigen Manager der englischen Popszene. Batt entwickelte rasch Lieder für Katie Meluas erstes Album »Calling Off The Search«, das direkt ein Welterfolg wurde. Der zärtliche, manchmal auch harmlose Folk-Jazz-Pop verkaufte sich millionenfach und machte das Mädchen aus Georgien zu einem Superstar. Gut zehn Jahre lang hielt die Kollaboration der beiden. »Es war eine sehr gute, beinahe märchenhafte Zeit«, erinnert sich Katie Melua heute. »Der Weg war gut, aber es kam mir schon so vor, dass es nicht mein eigener war. Dass ich immer irgendwie mitgenommen worden bin. Erst als Kind, dann als Musikerin. Und das wollte ich ändern.« Vor gut fünf Jahren beendete sie daher ihre künstlerische Beziehung zu Mike Batt, um einen eigenen Pfad zu finden. Dieser führte Katie Melua zunächst einmal zurück zu ihren Ursprüngen, nach Georgien, wo sie zusammen mit dem Gori Women's Choir das tief in der georgischen Kultur verwurzelte Album »In Winter« aufnahm. »Es fühlte sich richtig an, zu Beginn des neuen Abenteuers zum Ort meiner Kindheit zurückzukehren «, sagt Katie Melua zu dieser Art von Bewusstmachung der künstlerischen Identität. Es folgte noch ein Best-Of-Album mit langer Tour, dann nahm die Sängerin ihr bislang ambitioniertestes Projekt in Angriff: Eine Melua-Platte ohne Beteiligung des Mentors Mike Batt, erstmals mit Texten ausschließlich aus ihrer Feder. »Ich bin jetzt36 «, sagt sie, »ich empfinde es als wichtig, diesen Schritt zu gehen.« Es heißt, Katie Melua sei eine abenteuerlustige Frau, ein Adrenalin- Junkie. »Das stimmt«, bestätigt sie, »aber ich bin auch sehr diszipliniert.« Zur täglichen Arbeit geht sie in London nicht in ein Tonstudio in einer coolen Gegend der Stadt, sondern in ein Büro, das sie in einem der vielen Office- Türme von London angemietet hat. »Meine Nachbarn dort sind nicht die coolen Leute von einer hippen Band, sondern Finanz- und Immobilienexperten.« In dieser Business-Umgebung hat sich Katie Melua als Songwriterin weitergebildet. Sie hat Bücher gelesen, Musik gehört, sich Filme über andere Künstlerinnen und Künstler angeschaut, zum Beispiel über die Wuppertaler Tanz-Pionierin Pina Bausch, »deren Aussagen über Kunst und Kreativität unglaublich lehrreich sind«, wie Melua sagt. Besonders intensiv studiert hat sie die Entstehung von Songwriter-Lyrik. »Es gibt für diesen Bereich kaum Theorie, und insofern auch keine Lehrbücher.« Über das kreative Schreiben von Kurzgeschichten gebe es Dutzende Standardwerke, wer tiefer in die Kunst des Songwritings eintauchen möchte, müsse aber auf Sekundärliteratur zurückgreifen. Zum Beispiel auf »Chronicles«, die Autobiographie Bob Dylans, in der der Literaturnobelpreisträger seine Einflüsse aufzählt und analysiert. »Seine Listen haben monatelang bestimmt, was ich gehört habe«, sagt Katie Melua, »Dylan war mein Gatekeeper, wenn es darum ging, mich in der unendlichen Vielfalt der via Streaming erhältlichen Musik zurechtzufinden.« Was die Singer-Songwriterin im Selbststudium schnell lernte: Lieder wirken dann am besten, wenn sie wahrhaftig sind. » Wenn sie etwas tatsächlich Erlebtes beschreiben, keine reine Performance sind.« Was Katie Melua in dieser Zeit erlebte: Ihre Ehe ging in die Brüche. 2012 hatte sie den britischen Ex-Motorrad-Rennfahrer und Musiker James Toseland geheiratet, 2020 gaben die beiden ihre Trennung bekannt. Eine Reihe von Songs auf dem neuen Album handelt vom Erblassen der Liebe, die Worte sind poetisch, aber durchaus deutlich. »Auf seltsame Weise gab es mir Sicherheit, diese Situation in Songs zu transferieren«, sagt die Künstlerin. Was ihr Ex davon hält? »Ich habe ihm das Lied ›A Love Like That‹ zugeschickt, bevor jemand anderes es gehört hat. Er textete mir: ›Wunderbar, alles gut.‹« Keine bösen Gefühle am Ende dieser Liebe. Dafür aber eine Menge sehr schöner Songs.

enter image description here Fazit:
Für » Album No. 8 « hat Katie Melua erstmals mit dem Londoner Produzenten Leo Abrahams zusammengearbeitet, der auch schon für Brian Eno, Jarvis Cocker oder Paul Simon tätig war. Gemeinsam entwickelten sie einen frischen Sound: Die Songs sind weniger gefällig, ohne an Zartheit zu verlieren. In den besten Momenten, bei » English Manner « etwa, klingt Katie Melua, als würden die Carpenters mit Hilfe der Motown-Hausband schottische Folksongs vertonen.

Foto: Rosie Matheson

André Bosse