16.1. | Album der Woche: Schiller • Euphoria

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16.1. | Album der Woche - Schiller • Euphoria

Es lebe der Hedonismus

Christopher von Deylen, 54, hat mit seinem Electro-Pop-Projekt Schiller schon viele Klangwelten erkundet. Nun wagt er sich aufs Parkett der Unbeschwertheit.

Christopher von Deylen, Ihr neues Album »Euphoria« trägt die Ausgelassenheit bereits im Titel. Woher kommt Ihre gute Laune?

Ich habe Ende 2023 nach langer Zeit wieder angefangen, als DJ aufzulegen. Das hatte ich ganz früher, als wir 1999 mit Schiller gerade unseren ersten Erfolg mit »Das Glockenspiel« feierten, ein paar Mal probiert, aber irgendwie dachte ich damals, ich bin das einfach nicht. Nun aber ist alles ganz anders, und das Auflegen macht mir wahnsinnig viel Spaß. Ich sehe das zwar nicht als Reboot meiner Karriere, da es meine Livekonzerte nicht ersetzt, aber als Crossover, als hochwillkommene Ergänzung.

Was ist das Schöne am Auflegen?

Das Gefühl von Hedonismus, das du selbst empfindest, und das du an die Menschen im Publikum weitergibst. Es ist ein großartiger Kontrapunkt zum Alltag, zu einem DJ-Set zu tanzen und einfach mal das Weltgeschehen auszublenden. Ich fürchte ja, dass wir als Gesellschaft dabei sind, den Spaß und die Freude zu verlernen. Ein Biedermeier 2.0 macht sich breit, und das frustriert mich. Etwa, wenn ich zurückdenke an ein Ereignis wie die Love Parade Ende der 90er, wo die Menschen einfach Spaß hatten in diversen, offenen und vorurteilsfreien Formen, ohne das Gefühl, man brauche dafür drei Beauftragte, die penibel dafür Sorge tragen, dass alles schön ausgewogen ist. Die Menschen konnten einfach mal freidrehen - ohne moralisierenden Zeigefinger und ohne »purpose«.

Begeben Sie sich mit »Euphoria« also zurück zu Ihren künstlerischen Wurzeln?

Den Begriff mag ich nicht so gern, und natürlich laufe ich auch weiterhin nicht vor ein bisschen Tiefe in meiner Musik weg, doch mir war relativ schnell klar, dass ich mich trauen wollte, energetischer und druckvoller zu klingen. Und ein wenig genieße ich es auch, dass man dieses Album in einem Umfeld, in dem die Menschen eher einen Titel wie »Armageddon« für angebracht halten könnten, fast als Provokation empfinden kann.

Sie waren häufig in der Ukraine, zuletzt haben Sie dort im Sommer 2025 ein Konzert gegeben. Wie haben Sie die Stimmung im Land wahrgenommen?

Ich provoziere jetzt bewusst, indem ich sage: Ich habe mich in der Ukraine mit Krieg wohler gefühlt als derzeit in Deutschland ohne. Die Menschen hatten einen unermesslichen Lebens- und Gestaltungswillen, während ich bei uns manchmal denke, wir sind auf dem Weg zur lethargischen Selbstaufgabe schon erschreckend weit gekommen.


Schiller Euphoria Cover

Schiller
Eurphoria
Sony • 16. Januar

Steffen Rüth


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