Literatur

16.03 | Buch der Woche

Joachim B. Schmidt • Tell

16.03 | Buch der Woche - Joachim B. Schmidt • Tell

Die Wucht der Collage

218 Jahre nach Schiller zerlegt Joachim B. Schmidt die Sage von Wilhelm Tell in neu arrangierte Einzelteile und macht daraus ein Perspektivgewitter, das lange nachhallt.

Einhundert kurze Kapitel, jedes radikal subjektiv aus der Sicht einer Figur. Schnelle Clips. Harte Schnitte. Ist das jetzt Tik-Tok-Literatur? Diese Frage ließe sich stellen, betriebe man Buchkritik ausschließlich zum Zwecke der persönlichen Selbsterhöhung durch Polemik. Lässt man sich stattdessen mitreißen von der Wucht und der erzählerischen Wonne dieses Werks, bekommt man Lust, es formal so zu verarbeiten, wie Joachim B. Schmidt es mit der Tell-Saga zelebriert. Wo bei ihm also Tells Söhne, Tells Frau, der Pfarrer, einige Bauern oder auch der Reichsvogt Gessler die niemals perspektivfrei zu fassende Welt in ihre Worte kleiden, sollen hier die Gedanken von ein paar potentiellen, frei erdachten Leserinnen und Lesern erklingen. Der Medienprofi: „Denkt er wieder in grellen Referenzen, dieser Lautsprecher. Das Marketing macht uns die Buchhändler noch ganz verrückt. ‚The Revenant‘ in den Alpen. ‚Braveheart‘ in Altdorf. Ist das Vergleichsspiel nicht langsam erschöpft? Oder sollte es wirklich so sein, dass es keinerlei neue Methoden braucht? Nur diese Synapsenstupser? Diese Assoziationsketten? Wobei, jetzt, wo ich es gelesen habe, muss ich zugeben, dass die Vergleiche keine leeren Versprechen geblieben sind. Das ärgert mich am meisten.“

Die Deutschlehrerin: „Lektüre, wunderbare Lektüre. Diese brillant komponierte Collage erinnert mich an ‚Pulp Fiction‘. Wie viel Zeit habe ich als Studentin in diesem Drehbuch verbracht? Tarantino schreibt jetzt Romane. Er sollte mit Schmidt einen trinken gehen. Was sich damit alles machen lässt im Leistungskurs. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Jede Sichtweise teile ich einer Arbeitsgruppe zu. Den Walter. Den Tobler. Den Harras. Die Hedwig. Die hat sogar eine Sexszene mit ihrem Wilhelm. Netto bleibt allen Gruppen dann ein überschaubar langer Text. Aber dicht, dermaßen dicht. Und der ganze Kurs setzt dann das Puzzle wieder zusammen.“ Der Genussleser: „Ich muss zweimal lesen. Dieser Roman marschiert durch meine Seele, als wolle er alles durcheinander bringen. Hartmut Rosa nennt diese Wirkung Resonanz. Sie ist selten geworden. Wann hat ein Autor zuletzt die Natur dermaßen sinnlich und fassbar beschrieben? Der Björn Kern kann das, doch der meditiert in seinen Texten. Schmidt schießt auf uns, auf unsere Sinne. Lässt hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen. In die Berge, aber auch in die Psychen. Du liest das und selbst der Tyrann, der Antagonist, wird irgendwie zu einem Menschen. Ich muss von vorne beginnen. Eine Runde Natur. Eine Runde Psychologie. Am Ende werden es drei Runden sein, denn die Sprache selbst kannst du immer wieder verkosten, wie ein Somelier.“ Die Marketingabteilung: „Wenn ich mich richtig erinnere, heißt der Mann Sören. Hager ist er, aber dynamisch. Lebt von Koffein und Haferkeksen. Berichtete mir neulich beiläufig von einem seiner Bekannten, einem Journalisten, der den Schmidt-Titel bespricht. Der soll gesagt haben, der Roman sei formal im Grunde wie Tik Tok. Die Idee ist gut. Hundert Clips. Tik-Tok-Tell. Wir sollten das dem Autor vorschlagen…“

Joachim B. Schmidt
Tell

Diogenes, 283 Seiten

Oliver Uschmann