15.7. | Buch der Woche: Louise K. Böhm • Kaskaden
Penguin
Foto: Lenny Rothenberg
„Wer kann es sich überhaupt leisten, Bücher zu schreiben?“
Manchmal tut das Ende einer Freundschaft mehr weh als das einer romantischen Beziehung. Mit „Kaskaden“ veröffentlicht Autorin und Content Creatorin Louise K. Böhm ihr mitreißendes Debüt über den Schmerz des Verlassenwerdens und die Kraft des Ausbrechens.
Louise K. Böhm, es war Ihr Kindheitstraum, Autorin zu werden. Wie ist dieser entstanden?
Ich kann mich eigentlich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht geschrieben habe. Es war für mich schon immer der einfachste Eskapismus und gleichzeitig meine Art, die Welt zu verstehen. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass man das ja studieren und tatsächlich Geld damit verdienen kann.
»Ich kann mich eigentlich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht geschrieben habe.«
Welchen Hürden sind Sie auf Ihrem Weg zur Schriftstellerin begegnet?
Ich glaube, das Anstrengendste war, mir selbstständig Wissen anzueignen. Der Literaturbetrieb ist eine Blackbox, viele Informationen sind nur schwer oder in exklusiven Räumen wie den Schreibschulinstituten in Leipzig und Hildesheim zugänglich. Kontakte in die Branche sowieso. Ich hatte niemanden, der mich an die Hand genommen und mir erklärt hat, wie der Betrieb funktioniert, wie man sich zum Beispiel bei Literaturagenturen bewirbt oder vom Schreiben leben kann – Spoiler: in den allermeisten Fällen nicht durch die Vorschüsse oder Buchverkäufe. Und dann war da natürlich auch immer der Kampf gegen die eigenen Zweifel. Es macht müde, sich die eigene Daseinsberechtigung immer wieder verdienen zu müssen.
In Ihrem Debütroman erzählen Sie von der prägenden Freundschaft zwischen der Protagonistin Jojo und Yara. Was macht sie so besonders?
Die beiden sind nicht nur Freund*innen, sie sind Familie füreinander – gerade, weil ihre Verhältnisse zu ihren Herkunftsfamilien schwierig sind. Sie geben einander Halt und machen sich Mut, Raum einzunehmen in einer patriarchalischen Welt, die für junge Mädchen oft Anpassung bedeutet. Gleichzeitig verschwimmt die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe immer mehr und ihre Beziehung lässt sich in keine Schublade stecken. Das ist, glaube ich, eine Erfahrung, die viele queere Menschen in ihrer Jugend machen.
Inwiefern beeinflusst die soziale Herkunft die Dynamik einer Freundschaft?
Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass es zusammenschweißt, wenn man aus ähnlichen Verhältnissen kommt. Da ist mehr Verständnis für die eigene Lebensrealität, vielleicht auch für die Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Andererseits sind die Differenzen oft größer, wenn man die Erfahrungen eben nicht teilt. Da kann Scham eine große Rolle spielen, etwa darüber, wie oft und wo man als Kind Urlaub gemacht hat.
»Ich hatte also einen ganz anderen Zugang zu Literatur und Kultur als zum Beispiel meine Kommilitoninnen und Kommilitonen.«
Ein Thema, mit dem Sie sich auf Social Media viel beschäftigen, ist Klassismus im Literaturbetrieb. Haben Sie diesbezüglich selbst Erfahrungen gemacht?
Auf jeden Fall. Ich bin selbst nicht in einem Akademikerhaushalt aufgewachsen und Kulturvermittlung hat bei uns zu Hause keine große Rolle gespielt. Ich hatte also einen ganz anderen Zugang zu Literatur und Kultur als zum Beispiel meine Kommilitoninnen und Kommilitonen. Als ich dann selbst in Hildesheim Literarisches Schreiben studiert habe, gab es immer wieder kleine Aha-Momente, in denen ich gedacht habe: Oh, so war das also für die anderen?
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Da gab es eine Person, die schon seit jeher jedes Jahr an einem Schreibprogramm für Kinder und Jugendliche teilgenommen hatte, also schon früh in die eigene künstlerische Arbeit hineinwachsen und ein Selbstbewusstsein dafür entwickeln konnte. Sie wurde dort auch ermutigt wurde, sich auf das Studium in Hildesheim zu bewerben. Dass es diese Programme gibt, wussten weder meine Eltern noch ich. Und dann gab es immer wieder Momente, in denen ich mitbekommen habe, wie viel bei anderen über Kontakte ohne den klassischen Weg über eine Literaturagentur funktioniert hat. Aber diese Kontakte muss man ja auch erst mal haben.
Was reizt Sie so sehr an diesem Thema und warum halten Sie die Auseinandersetzung damit für wichtig?
Sollte das Ziel von Literatur und Kultur generell nicht sein, möglichst viele unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar zu machen, damit sich Menschen darin wiederfinden und erkennen: „Ach krass, damit bin ich nicht allein“? Klassismus und andere Zugangsbarrieren wie Rassismus oder Ableismus verhindern das aktiv, weil sie selektieren, wer schreiben kann und wer nicht. Es sitzen wahrscheinlich in tausenden Kinderzimmern die nächsten Literaturnobelpreisträger*innen von morgen, ohne, dass sie je die Chance bekommen werden, ihre Geschichten zu erzählen, weil ihnen niemand zuhört oder sie für wichtig genug hält. Dagegen möchte ich angehen.
Welchen Problemen und Fragestellungen begegnen Sie dabei?
Da ergibt sich zum Beispiel die Frage der Zugänglichkeit: Wer kann es sich überhaupt leisten, Bücher zu schreiben – nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich und gesundheitlich? Ein alleinerziehendes Elternteil hat es da sicherlich schwerer als jemand ohne Kinder. Die Kunst machen zu können, die man machen möchte, hat wahnsinnig viel mit Privilegien zu tun. Und dann gibt es noch die Frage nach der Literarizität eines Textes, die oft an inzwischen überholten Kriterien wie einer bestimmten Ausdrucksweise festgemacht wird, die zum Beispiel gewisse Dialekte ausschließt. Also: Welche Stoffe werden als Literatur betrachtet, welche sind vielleicht für die weiße Mehrheitsgesellschaft »nicht allgemeingültig genug«? Wer gewinnt Preise, wer bekommt Stipendien, und wer entscheidet das überhaupt?
Wie geht man diese Themen jetzt an, sodass der Literaturbetrieb inklusiver wird?
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir hinschauen und uns erst mal bewusstwerden, dass er das eben überhaupt nicht ist, sondern viele strukturelle Barrieren aufweist, die den Einstieg in die Branche für marginalisierte Menschen schwer machen. Dann müssen die Menschen in Entscheidungspositionen diverser werden, und gesunde Arbeitsbedingungen und finanzielle Absicherung müssen nachhaltig politisch gesichert sein. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, uns selbst als Konsumentinnen zu hinterfragen und zu prüfen, von welchen Autorinnen und in welchen Buchhandlungen wir eigentlich Bücher kaufen und wen wir damit unterstützen. Es gibt immer noch so viele Menschen – vor allem Männer, aber nicht nur –, die Mühe haben, mir drei nicht-männliche Autorinnen zu nennen, deren Texte sie gut finden; oder auch drei nicht-weiße Autorinnen. Auch das ist strukturell verankert und hat viel mit Sichtbarmachen und Unsichtbarmachen zu tun.
In Ihrer Danksagung nennen Sie das Team bei Ihrem Verlag Penguin, weil Sie sich dort nicht wie eine Hochstaplerin fühlen. Wo war das Gegenteil der Fall?
Die Uni war für mich zum Beispiel immer ein Ort, an dem ich mich so gefühlt habe. Diese Erfahrung teilen meine Protagonistin Jojo und ich. Sie fühlt sich dort wie ein Eindringling, obwohl sie Bestnoten schreibt. Das Gleiche gilt für Bafög-Ämter, Praktika oder spezielle Kulturinstitutionen – zum Beispiel das klassische Theater –, die oft nur ein ganz spezielles Publikum ansprechen und damit Menschen ausschließen, die vielleicht anders sprechen, sich anders anziehen und damit nicht in das erlernte Bild eines kulturaffinen Menschen passen.
Hat sich Ihr Blick auf das Schreiben verändert, seit Sie selbst Teil des Literaturbetriebs sind?
Auf jeden Fall. Ich liebe diesen Beruf und finde es immer noch jeden Tag verrückt, dass ich mit dem Geschichtenerzählen mein Geld verdienen darf, aber natürlich haben mich die letzten Jahre auch desillusioniert. Die Arbeit ist relativ selten so, wie ich mir das früher vorgestellt habe – da gibt es oft keine Schreiben-am-Meer-mit-Kaffee-und-endloser-Leidenschaft-Momente, sondern Situationen, in denen ich das Schreiben irgendwie in den Tag quetschen muss. Konkurrenz und Druck spielen auch eine große Rolle. Aber solange man sich seine Bande an solidarischen Freund:innen und Autor:innen sucht, ist alles gut. Und die habe ich Gott sei dank gefunden.

LOUISE K. BÖHM
Kaskaden
Penguin / 288 Seiten / 24€
Der Bildungsforscher John Hattie bezeichnete das deutsche Schulsystem einst als das ungerechteste, das er kenne. Wer das nicht glaubt, sollte „Kaskaden“ lesen. Jojo studiert Molekularbiologie im Master. Während die Tagesabläufe ihrer Kommoliton:innen ganz selbstverständlich den Hafercappuccino im hippen Café beinhalten, ist ihr Kühlschrank leer und auch für die prüfungsrelevante Fachliteratur ist kein Geld da. Nicht nur das schlägt ihr auf den Magen, sondern auch das abrupte Abtauchen von Yara, für das sie bis heute keine Erklärung hat. Mit „Kaskaden“ gibt Louise K. Böhm Menschen eine Stimme, die bislang zu oft ungehört waren. Dank klarer Sprache, die auch vor Intimität nicht zurückschreckt, zeichnet sie facettenreiche Charaktere, denen man mit Spannung folgt.
Katharina Raskob