15.4. | Buch der Woche: Birgit Birnbacher • Sie wollen uns erzählen
Zsolnay
Früher hat man zappeligen Kindern wie Ann angewiesen, nicht so wild zu sein. Heute hat sie selbst einen Sohn, der wegen Konzentrationsstörungen zum Psychiater soll, um eine Diagnose zu bekommen. Oz ist neun Jahre alt, freundlich und beliebt, er hasst UNO wegen der einengenden Regeln und zwischen ihm und seiner Mutter sprühen manchmal regelrecht die Funken, weil ihre beiden Nervensysteme knistern. Das Wort ADHS kommt in Birgit Birnbachers “Sie wollen uns erzählen” fast nicht vor, aber der Druck mit Inselbegabungen und Hochsensibilität in einer neurotypischen Gesellschaft zu navigieren ist allgegenwärtig und schafft eine tiefe Bindung zwischen Mutter und Sohn. Wenn sie im Bus sitzen erzählen sie sich offen ihre ärgsten Träume, sie fühlen leiseste Veränderungen in den umgebenden Gemütern und arbeiten sich immer wieder aneinander ab. Der überforderte Vater sucht das Weite. Als die senile Großmutter in ihrem Bergdorf verschwindet, haben Oz und Ann eine gemeinsame Mission. Birgit Birnbacher, die als langjährige Sozialarbeiterin und Freiwillige in Äthiopien und Indien reichhaltiges Material für ihre bisherigen Romane um Ausgrenzung und Teilhabe sammeln konnte, bleibt beim Schreiben eng am Menschen. Ihre Sprache ist unverblümt, witzig und oft charmant weise. An einer Stelle denkt Oz, dass Erwachsene, wenn sie sagen, etwas sei “kompliziert”, eigentlich meinen, dass es sehr einfach ist, sie aber nicht drüber reden wollen. Das ist eine Erkenntnis, die in allen Neurotypen verankert sein sollte.
Birgit Birnbacher
Sie wollen uns erzählen
Zsolnay / 224 Seiten / 24 €
Miguel Peromingo