Literatur

15.04. | Hörbuch der Woche

#haltung - Statements für eine bessere Gesellschaft

der hörverlag

15.04. | Hörbuch der Woche  - #haltung - Statements für eine bessere Gesellschaft

#HALTUNG
Statements für eine bessere Gesellschaft Originalaufnahmen von Albert Einstein bis Greta Thunberg.
Der Hörverlag, 3 Std. 4 Min.

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Pierrot Raschdorff ist Politikwissenschaftler, Mediator und Marketingleiter. Anlässlich des Hörtitels "#HALTUNG", einer Zusammenstellung von Statements engagierter Persönlichkeiten für eine bessere Gesellschaft, hat er seine Gedanken zum titelgebenden Thema aufgeschrieben. Ein Kommentar mit Haltung.

„Flüchtlinge sind Feinde unserer Lebensweise”, „Kapitalismuskritik ist vor allem ein Dekadenzphänomen des Westens“, „Alice Schwarzer ist islamophob”. Jeder kennt solche Sätze, die mit einem lauten Knall in ein Gespräch einschlagen, um eine Diskussion zu provozieren, die dann für alle Beteiligten häufig unbefriedigend und ohne jeden Erkenntnisgewinn verläuft. Was bleibt, ist das, was ohnehin schon war: Eine Richtung, eine Meinung, entweder dafür oder dagegen. Zwischentöne oder neue Blickwinkel verschwinden in einem monotonen Dickicht. Weniger der gemeinsame Austausch als vielmehr das Zerstören der Gegenmeinung steht im Vordergrund. Der Ton wird ruppiger, je komplexer das Thema ist. Natürlich trifft das nicht auf alle Gesprächspartner zu. Es geht hier vor allem um Gespräche mit Menschen, die auf der anderen Seite der „Polarisierungsgrenze” stehen. Diese ist schwammig, durchzieht alle Schichten, und doch kennt sie jeder aus politischen Gesprächen im Verwandten- oder Bekanntenkreis – über Migrationsfragen, Gender-Themen, Kapitalismuskritik oder den Klimawandel. Fragen, die für einen selbst eindeutig zu beantworten sind, lösen woanders Kopfschütteln, Achselzucken oder ein reflexartiges „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen” aus.

Diese Grenze trennt Pole, die sich zunehmend davon verabschieden, miteinander in den Dialog zu treten. Dazu gesellt sich das übergreifende Phänomen, bei komplexen und ambivalenten Fragestellungen nur noch einen einzigen Erklärungsweg zuzulassen – schwarz oder weiß. Beim Thema Integration erwarten viele Menschen eine Einbahnstraße, nämlich Assimilierung, statt Ambivalenzen zuzulassen und aufeinander zuzugehen. Kann ein Flüchtling, der die kulturellen Gewohnheiten seines Heimatlandes lebt und liebt, nicht trotzdem am politischen Diskurs des Ankunftslandes teilnehmen? Die Anerkennung von Zwischenräumen und Grautönen wird schwieriger. Das ist insofern tragisch, als dass wir in einer Zeit leben, in der Mehrdeutigkeiten nicht ab-, sondern eher zunehmen. Eindeutige Antworten sind zwar bequem, aber eines schon lange nicht mehr: zeitgemäß. Und doch schwindet die Bereitschaft, Ambiguitäten – und sei es auch nur für einen kurzen Moment – einfach mal auszuhalten. Die nachlassende Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem anderen und die Sucht nach Eindeutigkeit gefährden unser Zusammenleben. Wir sollten eine neue Sprache finden, nachfragen statt Meinungen zu kolportieren, um wieder ins Gespräch zu kommen – auch über die Grenzen unserer polarisierten Gesellschaft hinweg. Das bedeutet keineswegs einen Verzicht auf Haltung. Eine solche kann durchaus zulassen, auch die Gedanken des Gegenübers zu akzeptieren und ihre Andersartigkeit zu ertragen, vor allem, wenn das Thema keine eindeutige Antwort zulässt. Oder um es mit Bernhard Pörksens Worten zu sagen: „Der Dialog ist die Form der Freiheit, die erst in der Bezogenheit zum anderen erfahrbar wird.”

Pierrot Raschdorff