14.3. | Album der Woche: Alexander Malofeev • Forgotten Melodies
Sony Classical
Foto: Dovile Sermokas
Hang zur Nostalgie
Seinen Wunderkind-Status hat der russische Pianist Alexander Malofeev mit Mitte 20 längst abgelegt. Vor allem eins beeindruckt: seine musikalische Reife.
Alexander Malofeev, wieso finden sich auf Ihrem Album »Forgotten Melodies« lediglich Werke von russischen Komponisten?
Diese Idee brodelte schon einige Jahre in mir. Obwohl ich jetzt in Deutschland lebe, ist Russisch immer noch meine Sprache – auch meine musikalische Sprache. Medtner und Rachmaninow sind zwei meiner Lieblingskomponisten. Als ich ein, zwei Jahre alt war, hörte ich dank meiner Mutter praktisch nur Rachmaninow. Medtner habe ich als Zehnjähriger entdeckt und begann, seine »Fairy Tales« zu spielen. Ihre Komplexität hat mich fasziniert.
Rachmaninow war sowohl Komponist als auch Pianist. War er für Sie ein Vorbild?
Als Pianist auf jeden Fall. Um seine Klaviertechnik zu erkunden, habe ich viel Zeit investiert – ohne sie je entschlüsseln zu können. Am besten gibt man sich völlig dem Genuss von Rachmaninows Aufnahmen hin, statt nach irgendwelchen Erklärungen zu suchen oder ihm gar nacheifern zu wollen.
Neben Rachmaninows und Medtners Musik haben Sie für »Forgotten Melodies« Stücke von Glinka und Glasunow ausgewählt. Was verbindet diese Komponisten?
Sie versuchten, der Gegenwart zu entfliehen. Sie kämpften gegen das Moderne. Selbst Glinka, der Jahrzehnte vor den drei anderen lebte, hatte diese Tendenz. Obwohl er sozusagen der Schöpfer einer eigenständigen klassischen Musik Russlands war, hatte er das Gefühl, nicht in seine Zeit zu passen. In seinen Kompositionen spiegelt sich seine Unzufriedenheit wider, sein Hang zur Nostalgie.
Wann haben Sie Glinka für sich entdeckt?
In Russland ist Glinka meistens der erste Komponist, dem sich junge Pianisten annehmen. Seine Polka in d-Moll war auch mein Startpunkt. Sie ist unheimlich leicht zu spielen. Ich habe diese Polka aufgenommen, weil sie für mich ein Safe Space ist. Mein gesamtes Album zollt meinen Kindheitserinnerungen Tribut.
Aufgewachsen sind Sie in Russland, seit 2022 wohnen Sie in Berlin. Eint Sie das Leben im Exil mit jenen Komponisten, deren Stücke Sie nun interpretieren?
Ich mag das Wort Exil nicht. Ich habe meine Heimat zwar verlassen, doch ich bin im Grunde genommen wie ein Igel, der sein Zuhause immer bei sich hat. Einfach weil ich gerne auf der Bühne stehe und es liebe, Zeit mit meinem Instrument zu verbringen. Wegen meiner vielen Reisen denke ich selten darüber nach, dass ich aus Russland weggegangen bin.

Alexander Malofeev
Forgotten Melodies
Sony Classical • 27. Februar
Ein Tastenlöwe ist Alexander Malofeev nicht. In den Werken von Rachmaninow, Medtner, Glinka und Glasunow sucht der russische Pianist mit emotionaler Tiefe eine Seelenverwandtschaft. Sein Spiel ist nie auf Donnern ausgerichtet, es lebt von seiner technischen Brillanz. In Rachmaninows »Morceaux de fantaisie« fängt Malofeev die lyrische Klarheit geschickt ein, ohne dass die kraftvolle Dynamik darunter leidet. Eine Talentprobe, die vielversprechend ist. Man darf gespannt sein, was die Zukunft bringen wird.
Dagmar Leischow