14.11. | Album der Woche: Hildur Gudnadottir • Where to From
Deutsche Grammophon
Foto: Camille Blake
Einen Golden Globe plus einen Oscar hat Hildur Guðnadóttir 2020 für ihre „Joker“-Filmmusik bekommen. Ihr neues Projekt: das Soloalbum „Where to from“.
Hildur Guðnadóttir, Sie sind als Filmkomponistin bekannt geworden. Warum bringen Sie mit „Where to from“ ein Soloalbum heraus?
Weil ich einfach wieder Musik um der Musik Willen machen wollte. Musik war immer meine erste große Liebe. Ich habe bereits früher Platten aufgenommen, somit kehre ich jetzt zu meinen Wurzeln zurück. Zur Filmmusik bin ich eher zufällig gekommen, nachdem ich Stücke für Theater, Tanz, Installationen und andere Medien komponiert hatte.
Gibt Ihnen eine reine Plattenproduktion mehr Freiraum als Soundtracks?
Ja. Bei einem Film geht es sehr stark um Kollaborationen. Vom Regisseur über die Schauspieler bis zum Kostümbildner hat jeder seine eigene Vision. Das bedeutet: In meine persönlichen Vorstellungen spielen ganz unterschiedliche Meinungen rein. Wenn ich mich dagegen auf ein Soloprojekt konzentriere, kann ich genau das ausdrücken, was mich bewegt.
Warum haben Sie Ihr Album „Where to from“ genannt?
Die Melodiefragmente sind entstanden, während ich spazieren gegangen oder Rad gefahren bin. Einiges hat sich auch im Auto oder im Schlaf entwickelt. Beim Aufwachen hatte ich plötzlich Musik im Kopf. Ich habe alles mit meinem Smartphone festgehalten – daraus ist eine Art akustisches Tagebuch hervorgegangen. Dann begann ich, mir viele Fragen zu stellen, etwa: Wieso will ich überhaupt wieder ein Album veröffentlichen? Welche Motivation habe ich? Am Anfang stand also eine Idee, die irgendwie Form annehmen musste. Das soll der Plattentitel ausdrücken.
Eine Ihrer Nummern heißt „Stimm“. Hatten Sie beim Komponieren eine Stimme im Kopf?
Die meisten Stücke haben sich aus meiner Stimme entwickelt, weil ich, wie gesagt, unterwegs etwas in mein Handy gesungen habe. Zudem ist meine Stimme – neben dem Cello – eines meiner zwei Hauptinstrumente. Beide bewegen sich in einem recht ähnlichen Register, deshalb habe ich mich bewusst auf meinem Album auf Gesang und Streicher fokussiert.
Stichwort Streicher: Ein Instrument muss gestimmt werden, auch darauf ließe sich der Songtitel beziehen.
Richtig. Genauso hat man zum Wählen eine Stimme oder kann mit seiner Stimme seine Haltung zu einem Thema artikulieren. Man kann eine Stimmung erzeugen, eine bestimmte Atmosphäre. Ich mag es einfach, dass einem der Begriff „Stimm“ so viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten anbietet.

Hildur Guðnadóttir
Where to from
Deutsche Grammophon • 31. Oktober
Die Isländerin Hildur Guðnadóttir lebt und arbeitet in Berlin. Diese Stadt scheint ihre Kreativität zu schüren, nach etlichen Soundtracks geht nun ihr fünftes Soloalbum an den Start. Für dieses Werk hat sich die Musikerin einige Gäste eingeladen, darunter die Sängerin Elsa Torp. Akzente setzt Liam Byrne mit seiner Viola da gamba. „I hold close“ verströmt etwas Sakrales, andere Stücke entspinnen sich aus repetitiven Mustern. Wenn diese Musik dem Trübsinn ein Lächeln abringt, ist das einfach schön.
Dagmar Leischow