14.02. | Album der Woche: Louis Philippson • Exposition
Sony · 14. Februar
Foto: Gregor Hohenburg
Raus aus dem Spielen-Verbeugen-Abgehen-Schema
Viele Fans hatte der Pianist Louis Philippson bereits vor der Veröffentlichung seines Debütalbums „Exposition“ – dank seiner 750 000 Follower auf TikTok. Vor allem Gen Z folgt ihm, wenn er Reels von sich am Flügel postet. Vielleicht gelingt es ihm sogar mit der Zeit, Jugendliche auch in die Konzertsäle zu holen.
Für seinen Auftritt bei „Night of the Proms“ in Hamburg hat Louis Philippson ein Outfit gewählt, das unverkennbar an Michael Jackson erinnert: eine rote Lederjacke, dazu eine schwarze Lederhose. In der Tat ist der Pianist seit seiner Kindheit ein Fan des King of Pop: „In meiner Familie war Michael Jackson einer der Favoriten. Ich kenne die meisten Lieder von ihm.“ Trotzdem habe der weltberühmte Sänger nicht für seinen Look Pate gestanden, betont er: „Als ich als Klassikkünstler auf eine Popbühne gegangen bin, wollte ich Rot tragen, weil das eine mutige Farbe ist.“
Aus der Reihe zu tanzen fällt Louis Philippson nicht besonders schwer. Seine Biografie ist ziemlich beeindruckend. Er studiert parallel Klavier und internationale Wirtschaft. Natürlich gibt er Konzerte, nebenher hat er sein Debütalbum „Exposition“ eingespielt. Auf TikTok ist der Pianist aus Mülheim an der Ruhr zudem als Content Creator aktiv, Toggo engagierte ihn als Host für „Toggomania“. Wie schafft der 21-Jährige das bloß? „Zeitmanagement war schon immer mein Ding“, sagt er im Videointerview. „Ich mag dieses Multitasking und habe viele Interessen, die ich alle so gut wie möglich pflegen möchte.“
Einen vollen Terminkalender zu haben, damit ist er seit seiner Kindheit bestens vertraut. Nachdem seine Eltern sein allererstes Konzert auf YouTube öffentlich gemacht hatten, bekam er mit sieben einen Platz als Jungstudent an der Robert-Schumann-Hochschule für Musik in Düsseldorf. Fortan führte er quasi ein Doppelleben. Vormittags war Louis Philippson in der Schule, mit seinen Klassenkameraden hörte er eher Hip-Hop. Nachmittags regierte in seinem Leben dann klassische Musik.
Dass der Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs mit ganz unterschiedlichen Stilistiken aufgewachsen ist, zeigt sich auch auf seiner ersten Aufnahme. Mit „OMG“ interpretiert er einen Song der K-Pop-Band NewJeans, „A Town with an Ocean View“ und „Lover's Oath“ sind Anime-Klassiker. Mit „Dragon's Lullaby“ oder „Paulette“ finden sich sogar ein paar Eigenkompositionen auf „Exposition“. Bei den klassischen Werken hat Louis Philippson nicht etwa auf die ursprünglichen Werke von Tschaikowsky oder Mahler zurückgegriffen, sondern auf Variationen. „Gewiss sind die Originale sehr schön“, versichert er. „Aber die neuen Versionen können andere Facetten eines Stücks besser herausstellen.“ Dennoch entfernt sich Louis Philippson nicht dauernd deutlich von jeder Komposition. Mozarts Klaviersonate Nr. 13 in B-Dur erkennt man durchaus wieder: „Wenn ich den dritten Satz spiele, entdeckt man kaum eine Variation. Das ist eigentlich pure Klassik.“
Streng genommen lässt sich aber nicht jedes Werk hundertprozentig in der Klassik verorten, stilistisch sitzt „Exposition“ zwischen den Stühlen. Vornehmlich lehnen sich die Stücke mit recht entspannten Klängen an Neoklassik an. Popelemente gibt es ebenfalls. „Ich würde kein bestimmtes Label aufdrucken wollen“, erklärt der Musiker selbst. „Für mich ist das einfach ein Louis-Philippson-Album.“ Offenbar soll es eher jüngere Menschen ansprechen, genau wie der TikTok-Kanal des Pianisten. Seine Intention sei es lediglich gewesen, seine Leidenschaft mit anderen zu teilen, stellt Louis Philippson klar: „Es ist großartig, dass ich damit nun wirklich meine Generation erreiche.“
Um Gen Z noch mehr an sich beziehungsweise an Klassik zu binden, will der Musiker in Zukunft einiges etwas lockerer angehen. Während er früher stets ganz korrekt im Frack mit passender Fliege aufgetreten ist, möchte er seinen Look nun ein wenig modernisieren: „Ich trage einfach die Sachen, die ich gut finde.“ Außerdem hat er sich vorgenommen, auf der Bühne nahbarer zu werden. Will heißen: Louis Philippson plant, aus dem Spielen-Verbeugen-Abgehen-Schema auszubrechen: „Das fand ich noch nie cool“, resümiert er. „Weil ich Menschen liebe, möchte ich auch ein bisschen mit ihnen reden. Darum werde ich ab und zu ein paar Dinge erklären.“

Louis Philippson
Exposition
Sony • 14. Februar
Man ahnt, wer für Louis Philippsons Debütalbum Pate gestanden hat: Ludovico Einaudi. Tatsächlich inspirierte er ihn. Wie der Italiener wagt sich der Pianist oftmals auf das Gebiet der Neoklassik vor. In viele Stücke kann man sich einfach fallenlassen, sie laden zum Entspannen ein. Dynamischer und kraftvoller als im Original kommt dagegen Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 daher. Ein Cello veredelt Puccinis „O mio babbino caro“. In „OMG“ von der K-Pop-Band NewJeans sucht Louis Philippson am Flügel einen poetischen Moment. Die Eigenkomposition „Supernova“ hat cineastische und manchmal sogar überraschend rockige Momente. Sie lehnt sich vermutlich an Hans Zimmer an, den der junge Musiker verehrt. Mit den überwiegend eingängigen Werken dieser Einspielung können sich Neueinsteiger der Klassik behutsam annähern. Popfans werden nicht verprellt.
Dagmar Leischow