13.08. | Buch der Woche: Klaus Willbrand, Daria Razumovych • Einfach Literatur

S. Fischer

13.08. | Buch der Woche - Klaus Willbrand, Daria Razumovych • Einfach Literatur

Der Appetitmacher

Seine Liebe zur Literatur hat der Kölner Antiquar Klaus Willbrand in die sozialen Medien getragen. Dieses Buch hält sein Vermächtnis fest – und kann tausende Lektürestunden auslösen.

Erst wollte er ja nicht, doch als seine gute Freundin und Beraterin Daria Razumovych ihn überzeugt hatte und das Fundament dafür legte, spontan am Tisch über Literatur zu sprechen, wurden seine Kanäle Kult – und der liebevoll geführte Laden im Weyertal erlebte seinen finalen Frühling. Als schon währenddessen angekündigt wurde, dass S. Fischer den beiden einen Buchvertrag anbietet, erschien einem als erstes ein umfangreicher Kanon vor Augen, groß wie ein Foliant. Das ultimative Lexikon, unterteilt in Literatur und Philosophie und dort wieder in die großen Autorinnen und Autoren des deutschen, französischen, italienischen, russischen, britischen und amerikanischen Kulturkreises. Ein neues letztes Wort, vergleichbar dem Allgemeinwissensprojekt »Bildung«, das Dietrich Schwanitz zur Jahrtausendwende vorlegte. Frei übertragen also: »Willbrand – Alles, was man lesen muss.« Tatsächlich sind es überschaubare 224 Seiten geworden, in den handlichen Ausmaßen eines Taschenbuches, jedoch natürlich wunderschön gebunden und mit Lesefaden. Durch die Erinnerungen erleben wir die Kölner Kulturszene und die Buchbranche, als diese noch heiß, wild und intellektuell messerscharf waren. Wir lesen von der Freundschaft zum avantgardistischen Schriftsteller Rolf-Dieter Brinkmann, den Willbrand früh förderte, dessen Abrechnungsroman mit seiner Frau er aber dennoch unbestechlich kritisiert. Als Kind muss Willbrand eine lange Zeit im Krankenhaus verbringen, dessen Enge durch die Romane von Karl May ganz weit wird – die Initialzündung für seine lebenslange Leseleidenschaft. Natürlich erhalten wir auch eine Menge Skizzen des imaginierten Riesenkanons, die gerade durch ihre würzige Kürze neugierig darauf machen, sich jetzt aber mal wirklich mit allen Werken von Thomas Mann zu beschäftigen oder erstmals im Leben eine Friederike Mayröcker, einen Hans Henny Jahnn oder eine Françoise Sagan zu entdecken. Mit seinen kurzen Abschnitten hat »Einfach Literatur« einen ähnlichen Charakter wie die Videos in den sozialen Medien, denen es ebenfalls gelang, kleine Keime zu pflanzen, die dann zu eigenem Forscherdrang führen. Insofern findet es gerade in der Knackigkeit seine perfekte Form als Ausgangspunkt tausender neuer Lesestunden, als Startflughafen in eine ganze Welt der Lektüre. Ohne den passionierten wie brillanten Einsatz von Daria Razumovych wären weder die Kanäle entstanden, noch dieses Buch. Sie hat es vollendet und schenkt dem Publikum in Einleitung und Nachwort die Einblicke in den Charakter von Klaus Willbrand und das Geschehen rund um seine Krankheit, die als offene Fragen im Raum standen. Einige der Kernpassagen der literarischen Empfehlungen und Lebensrückblicke wiederum kommen einem sehr bekannt vor, wenn man jedes Video gesehen hat. Doch wieso nicht diese wundervolle Arbeit schriftlich verewigen? Die Daten in der Cloud, die Videos, womöglich sogar das ganze Netz, wie wir es kennen, kann eines Tages verschwunden sein. Dieses Buch hingegen wird in hundert Jahren noch in Privathaushalten und Bibliotheken stehen sowie in Antiquariaten ausliegen. Wir dürfen gespannt sein, ob es ihm gelingen wird, den »Literaturbetrieb ein wenig wachgerüttelt« zu haben, wie es sich Willbrand und Razumovych vorgenommen hatten. »Unser Erfolg«, sagt Klaus Willbrand damals, »sagt aus, dass wir in unserer Gesellschaft noch viele, viele Menschen haben, die sich, ich sag’s jetzt mal ganz platt, mit dem täglichen Blödsinn nicht zufriedengeben.«

Klaus Willbrand, Daria Razumovych
Einfach Literatur
S. Fischer • 224 Seiten • 22,00 €

Oliver Uschmann


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