Literatur

13.04. | Buch der Woche

Wole Soyinka • Die glücklichsten Menschen der Welt

Blessing

13.04. | Buch der Woche - Wole Soyinka • Die glücklichsten Menschen der Welt

Nigerianisches Lamento

Der dritte und voraussichtlich letzte Roman von Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka ist ein ebenso furchtloser wie ernüchternder Blick in die dunkle Realität Nigerias.

Akinwande Oluwole Soyinka ist einer der vielseitigsten Schriftsteller Afrikas. Spätestens seit er 1986 als erster Schwarzer Schriftsteller überhaupt den Literaturnobelpreis erhielt, werden seine Bühnenstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Seine Memoiren, Essays und Gedichte genießen höchste Anerkennung. Mit 87 Jahren und fast 50 Jahre nach seinem letzten Roman legt er ein von Erfahrung getränktes, wild mäanderndes und grimmiges Alterswerk vor, in dem er sich noch einmal die gesellschaftspolitische Wirklichkeit in seiner Heimat Nigeria und deren korrupte Eliten vorknöpft. Autoritarismus, Korruption und religiöser Fundamentalismus halten das Land seit Jahrzehnten fest im Griff, Soyinka hat das immer laut kritisiert. Die Folgen waren Inhaftierung, Exil und ein Leben in ständiger Opposition. „Die glücklichsten Menschen der Welt“ ist vor diesem Hintergrund als Satire zu lesen, auch wenn eine Gallup-Umfrage Nigeria vor Jahren in die oberen Ränge des Glücksindex gespült hat. Soyinkas Roman spielt in einem Nigeria, in dem den Menschen mit staatlich finanzierten Realityshows vorgegaukelt wird, dieses Land sei voller Gewinner. Hier gewinnen aber immer nur die gleichen Günstlinge, die mit dem korrupten Staat, den brutalen Banden oder hedonistischen Scharlatanen unter einer Decke stecken. Im Mittelpunkt der Handlung stehen vier Freunde – ein Chirurg, ein Finanzgenie, ein Ingenieur und ein Künstler –, die vor Jahrzehnten in England den „Gong der Vier“ gegründet haben. Kopf dieses Geheimbundes ist der Ingenieur Duyole Pitan-Payne, der nun einen UN-Posten bekleiden soll, aber mit dem Premierminister aneinandergerät. Dieser „Heger des Volkes“ führt das Land nach einer einfachen Regel: „Tritt in den Arsch oder Geld in den Arsch.“ Davon profitiert der krude Prediger Papa Davina, der sich auf dem Gipfel eines Müllbergs in Lagos eine einträgliche Kirche gebaut hat. Er macht mit dem Premier gemeinsame Sache, wenn es darum geht, das Volk zu belügen und Pitan-Payne aus dem Weg zu räumen. Badetona, der Zahlenexperte der Viererbande ist derweil in einen Finanzskandal verwickelt, während der Künstler vom „Gong der Vier“ verschollen scheint. Zeitgleich bekommt der auf Amputationen spezialisierte Chirurg Dr. Kighare Menka Konkurrenz – nicht nur von den Islamisten der Boko Haram, sondern von einer Organisation mit dem makabren Namen „Human Resources“, die Organe an reiche Kunden verkauft. Als er mit Duyole versucht, den Hintermännern auf die Spur zu kommen, stirbt sein Freund bei einem Attentat. Soyinkas furchtloser und vielschichtiger Roman handelt von entgleister politischer Macht und der Ohnmacht, sich ihr in den Weg zu stellen. Allerdings erschließt sich der mit Anspielungen überladene Text nur langsam, weil er die Handlung auf seinen verschlungenen Pfaden immer wieder aus den Augen verliert. Aber Soyinka nennt die Dinge unmissverständlich beim Namen. Sein Klagelied zeigt eine zutiefst gespaltene und gebrochene Gesellschaft, in der das Glück der Wenigen den Untergang der Vielen nach sich zieht und Hoffnung vollkommen vergebens ist.

Wole Soyinka Die glücklichsten Menschen der Welt Blessing, 656 Seiten

Thomas Hummitzsch