12.8. | Buch der Woche: Heinz Strunk • Memories of Heidelberg
Rowohlt • 176 Seiten • Hardcover • 23,00 Euro
Eine Reise nach Heidelberg soll einer festgefahrenen Ehe neuen Schwung geben. Für Bertram und Isolde wird sie stattdessen zum Albtraum. Heinz Strunks »Memories of Heidelberg« erzählt von einem Paar, das sich längst nichts mehr zu sagen hat und trotzdem an seinen eingefahrenen Ritualen festhält.
Seit siebzehn Jahren sind die beiden verheiratet. Der geplante 80. Geburtstag von Isoldes Mutter fällt aus, weil sie ins Krankenhaus muss. So bleiben Bertram und Isolde allein in einem überteuerten Boutiquehotel und machen aus einem italienischen Restaurantschiff auf dem Neckar ihr tägliches Stammlokal. Doch von Abend zu Abend werden Essen, Service und Stimmung schlechter. Dazu läuft immer wieder derselbe Schlager: »Memories of Heidelberg«. Was zunächst nur lästig ist, wird zunehmend bedrohlich.
Strunk zeichnet seine Figuren mit gewohnt scharfem Blick. Bertram ist ein einsamer, überforderter Mann, der seine Frustration mit Essen und kleinen heimlichen Nervenkitzeln betäubt. Isolde begegnet ihm mit schonungsloser Härte. Beide sind dabei weder klassische Sympathieträger noch einfache Karikaturen. Hinter der bitteren Komik wird sichtbar, wie sehr sie in ihrer Beziehung und ihren Gewohnheiten gefangen sind.
Besonders gelungen ist, wie Strunk aus der Wiederholung Spannung entstehen lässt. Die immer gleichen Abläufe werden zur perfiden Folter. Und gerade in den leisen Momenten zeigt sich die ganze Trostlosigkeit dieser Ehe.
»Memories of Heidelberg« ist ein bitterkomischer Roman über Entfremdung, Gewohnheit und die Unfähigkeit, aus einem festgefahrenen Leben auszubrechen. Heinz Strunk macht aus einer unspektakulären Urlaubswoche ein groteskes Kammerspiel – und lässt einen dabei erstaunlich oft lachen, obwohl einem eigentlich gar nicht danach ist.
Tim Wetzer