Literatur

12.12. | Buch der Woche

Thomas Mullen • Darktown

12.12. | Buch der Woche - Thomas Mullen • Darktown

THOMAS MULLEN

Darktown

DuMont • 12. November

In den Südstaaten von 1948 wollen zwei schwarze Polizisten einen Mord aufklären, der strenggenommen jenseits ihrer Jurisdiktion liegt. Ein Krimi mit historischem Antlitz.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt sich Atlanta, die inoffizielle Hauptstadt der US-Südstaaten, auch für ihre schwarzen Bewohner zum Sehnsuchtsort. In den Wohnvierteln auf der West Side etabliert sich eine Mittelschicht mit eigenen Kirchen, Krankenhäusern und Hochschulen, die zentrale Auburn Avenue gilt sogar als „reichste Negro-Straße der Welt“. In den USA zu Zeiten der Rassentrennung ist das eine Errungenschaft und ein vergleichsweise liberales Biotop – so liberal sogar, dass die Stadt 1948 damit beginnt, die ersten schwarzen Polizisten einzustellen, um in den einschlägigen Vierteln zu patrouillieren. Das Unternehmen ist jedoch heikel, denn die insgesamt acht Beamten sind mit nur minimalen Befugnissen ausgestattet. Es sind bessere Schülerlotsen, denen es rundheraus verboten ist, weiße Verdächtige zu befragen, und die von ihren Kollegen bestenfalls mit Gleichgültigkeit bedacht werden. Häufiger ist es die pure Verachtung: Polizeiinterne Schikanierungen häufen sich, dazu kommen Verleumdungen, Falschaussagen und Gewaltandrohungen. Das rassistische Establishment möchte das Projekt scheitern sehen, während die schwarze Bevölkerung Wunder von ihren Polizisten zweiter Klasse erwartet. Zwischen den Fronten steht der junge Officer Lucius Boggs, ein Predigersohn und Idealist mit der Hartnäckigkeit eines Überzeugungstäters. Als die Ermittlungen im Mordfall an einer jungen Schwarzen trotz erdrückender Indizienlast eingestellt werden, überschreitet er seine Kompetenzen und macht sich mit seinem Partner auf die Suche nach dem Mörder, die ihn in ein Geflecht aus Intrigen, Korruption und offenem Rassenhass führt. Thomas Mullen ist dafür bekannt, seine spannenden Erzählungen in einen überdurchschnittlich gut recherchierten historischen Kontext einzubetten. Für sein Romandebüt „Die Stadt am Ende der Welt“ war es die verheerende Grippe-Epidemie von 1918 im Staate Washington, für sein neues Werk „Darktown“ sind es die segregierten Viertel von Atlanta kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Ambiente zwischen Schnapsschmugglern, Bordellbetreibern und zwielichtigen Lokalpolitikern passt zu den Motiven des klassischen Film Noir, bloß wird die gesellschaftliche Spaltung in der Stadt wesentlich realistischer dargestellt. Derart realistisch, dass die quälende Ungerechtigkeit im Halbschatten der Story zusätzlich zur Nachtschicht mit Buch anstachelt, in der Hoffnung auf eine halbwegs sozialverträgliche Auflösung. Die Gratis-Geschichtsstunde geht allerdings nie zu Lasten der Handlung, denn an Rasanz lässt „Darktown“ für die Krimi-Gemeinde wahrlich nichts zu wünschen übrig: Gerade in der zweiten Hälfte des Romans wartet am Ende jedes Kapitels ein Cliffhanger, der sich gewaschen hat. Den angenehmen Mehrwert, ein weiterhin wenig reflektiertes Kapitel der US-amerikanischen Geschichte wie selbstverständlich in ein Mainstream-Medium zu transportieren, teilt sich der Roman momentan mit mehreren aktuellen Veröffentlichungen in Literatur, Film und Musik. Das ist mehr als beiläufig zu begrüßen.

Markus Hockenbrink


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