Musik

12.03. | Album der Woche

Schiller • Summer In Berlin

Nitron Concepts

12.03. | Album der Woche - Schiller • Summer In Berlin

Instinkt-Schwimmer

Mit „Summer In Berlin“ setzt Schiller der Hauptstadt ein klingendes Denkmal – seiner musikalischen Linie bleibt Mastermind Christopher von Deylen dabei treu.

Herr von Deylen, andere Künstler veröffentlichen ihre Alben nach Salami-Manier Song für Song – Sie bieten mit „Summer in Berlin“ ein umfassendes Boxset. Sind Sie ein Gegen-den-Strom-Schwimmer?
Ich würde sagen, ich bin ein Instinkt-Schwimmer. Ich verlasse mich bei meiner Musik ganz auf meine Instinkte, auf meinen Bauch. Dass ich damit immer wieder gegen den Strom unterwegs bin, merke ich meistens erst dann, wenn mir in Interviews derartige Fragen gestellt werden.

Unkonventionell sind auch die Längen mancher Titel – wie beim über 20-minütigen „Der Klang der Stadt“.
Das war anfangs nicht so geplant. Zunächst wollte ich nur ein paar Großstadtgeräusche aufnehmen – eine zugehende U-Bahntür, eine Rolltreppe, den Straßenverkehr und so weiter. Als der Track dann schon über zehn Minuten lang war, habe ich mich gefragt, was ich damit jetzt mache. Ihn auf ein konventionelles Maß stutzen – oder weitermachen, bis der Song fertig ist? Ich habe mich für Letzteres entschieden. Das ist vielleicht nicht vernünftig, doch Vernunft sollte man im Straßenverkehr walten lassen, nicht aber in der Musik.

Was fasziniert Sie so an Berlin?
Berlin erfindet sich immer wieder neu und bleibt somit die lebendigste Stadt Europas. Unzählige Kulturen existieren hier halbwegs friedlich miteinander, so dass Berlin schon fast wie ein Mikrokosmos des gesamten Planeten betrachtet werden kann. Das ist nicht an jeder Ecke pittoresk – aber immer neu und inspirierend.

Wie haben Alphaville auf Ihre Coverversion von „Summer In Berlin“ reagiert?
Natürlich hatte ich weiche Knie, als ich der Band den ersten Entwurf geschickt habe. Immerhin sind Alphaville die Pop-Helden meiner Jugend. Da hat man schon einen gewissen Basisrespekt. (lacht) Umso erleichterter war ich dann, als die finale Version bei den Alphaville-Gründern Bernhard Lloyd und Marian Gold auf große Gegenliebe stieß.

Muss man ein in sich ruhender Mensch sein, um so eine mitunter ruhige Musik wie auf „Summer In Berlin“ machen zu können?
Nein, ganz und gar nicht. Ich denke, ich bin sogar das Gegenteil von einem in sich ruhenden Menschen. Genau genommen bin ich rastlos. Ich stehe jeden Tag um fünf Uhr morgens auf und bin dann bis mindestens zehn Uhr abends im Studio. Die meiste Zeit probiere ich neue Dinge aus: Ich bin gierig nach Neuem – und ich möchte noch so viel lernen.

Foto: Annemone Taake


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Summer in Berlin

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Fazit
Hier ist einer verliebt. Schiller (aka Christopher von Deylen) hat sich – nach Jahren des Globetrottens – erneut in seine Wahlheimat verguckt. Sonst kämen wohl kaum so rührende und berührende Oden wie „Liebe aus Beton“ oder „Miracle“ zustande. In den 14 neuen Tracks bleibt sich der Klang-Fetischist treu und kreiert traumwandlerisch schöne Keyboard-Kaskaden – getragen vom wuchtigen Beat von Drummer Gary Wallis. Herzstück des Albums: das 20-minütige, collagenhafte „Der Klang der Stadt“.

Gunther Matejka