11.9. | Album der Woche: Dexys Midnight Runners • Love
Heavenly Recordings
Foto: Jake Walters
Im Hier und Jetzt
Nach 41 Jahren wird aus Dexys wieder Dexys Midnight Runners. Auf »Love« verhandelt Kevin Rowland Kindheit und Aussöhnung – vielleicht zum letzten Mal.
Kevin Rowland, warum haben Sie entschieden, wieder als Dexys Midnight Runners zu veröffentlichen?
Vor etwa zwei Jahren kam ich vor meiner Wohnung mit einer jungen Frau ins Gespräch. Ich erzählte ihr, dass ich beim Glastonbury spiele – mit Dexys. Sie fragte: »Das ist aber nicht dasselbe wie Dexys Midnight Runners, oder?« Da war klar: Junge Leute kennen uns von Songs wie »Geno« und »Come On Eileen«, aber das Wort Dexys allein verwirrt sie. Also zurück zum vollen Namen.
Das letzte Album unter dem Bandnamen war »Don’t Stand Me Down« (1985) – damals ein Flop, heute ein Meisterwerk. Stimmt Sie das versöhnlich?
Ja, aber ich denke nicht viel über solche Dinge nach. Ich versuche, im Hier und Jetzt zu leben.
Sie sagten, Sie ignorieren Ihre Vergangenheit – und doch schreiben Sie autobiografisch. Wie passt das zusammen?
Ich meide nur die öffentliche Version meiner Vergangenheit. An die werde ich ja ohnehin erinnert. Ich will nicht der Kevin Rowland der Achtziger sein – das ist eine Falle. Gegen die Erinnerung der Leute kommt man nicht an: Jemand war 18, hörte uns zum ersten Mal, war frei. Dagegen kannst du nicht gewinnen. Künstler müssen in Bewegung zu bleiben.
Sie haben über Ihr Leben in Songform und in Buchform geschrieben. Was ist anstrengender?
Interessante Frage. Das Buch war zermürbend; es gab Momente, da konnte ich nicht mehr schreiben. Mick Jagger meinte, er wolle keine Autobiografie schreiben, weil es zu schmerzhaft wäre – das verstehe ich.
Dieses Album, so Ihre Ansage, ist wahrscheinlich das letzte.
Ja, während der Arbeiten an diesem Album kam mir der Gedanke, dass ich kein weiteres machen möchte. Es verlangt mir einfach viel ab. Ein Album bedeutet einige Jahre Stress, das zehrt an mir. Es könnte also das letzte sein – sieben Alben, damit bin ich zufrieden.
Es ist also weniger der Gedanke an einen runden Abschluss als Erschöpfung?
Genau. Ich fühle mich erschöpft, immer noch.
Wäre Ihnen der Gedanke an einen geplanten Abschluss zu sentimental?
Das hier wirkt wie ein natürlicher Schluss, aber geplant war das nicht. Die Reise von »Searching for the Young Soul Rebels« bis »Love« ist weit – ich hätte es früher nicht machen können. Ich will niemand sein, der ein letztes Album ankündigt und dann zurückkommt. Sicher ist es nicht – aber es fühlt sich wie das letzte an.

DEXYS MIDNIGHT RUNNERS
Love
Heavenly Recordings, 4. September
»Love« lebt von Rowlands Stimme: soulig, warm, beseelt. In
»My Life in England Pt. 1«, von
Streichern getragen, ist sie am
stärksten – wenn er die Kindheit
zwischen Wolverhampton und
dem Traum von Amerika besingt,
wird aus Erinnerung ein sehnsüchtiger Song. Doch die Platte
ist kein sanfter Rückblick: »Once
a Man, Twice a Child« versöhnt
sich mit dem toten Vater, »Old
Love« hadert mit dem Alter,
»It's Over Now« rechnet bitter ab.
Ein spätes Werk, das nichts verwaltet, sondern noch etwas will.
Markus Brandstetter