11.11. | Hörbuch der Woche: Leif Randt • Let's Talk About Feelings

argon

11.11. | Hörbuch der Woche - Leif Randt • Let's Talk About Feelings

Leif Randt
Let's Talk About Feelings
argon • 7 Stunden 53 Minuten

Marian Flanders wird auf der Straße öfter von Passant*innen erkannt. Allerdings nicht, weil er selbst eine Berühmtheit ist, sondern weil seine Mutter Carolina eine war. Das ikonische Fotomodell lernt der Hörer nur noch indirekt kennen, denn »Let’s Talk About Feelings« setzt dort an, wo ein Kapitel endet: mit Carolinas Beerdigung. Eigentlich die besten Voraussetzungen für eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Doch die Wahl des Snacks (lauwarme Salzbrezeln), der gleich in der ersten Minute serviert wird, ist ein guter Indikator dafür, was einen in den vierzehn Kapiteln von Leif Randts fünftem Roman erwartet. So steht der Titel im starken Kontrast zum Inhalt. Er wirkt wie eine Parodie, denn Marians Welt existiert nur in den Trendfarben des diesjährigen Sommers: Pastell.

Nie zu grell, nie zu leuchtend, nie nach Aufmerksamkeit heischend, aber auch nicht gänzlich farblos, sondern die leichte Unterkühlung als Lebensstil definierend. Die Mode-Metapher kommt nicht von ungefähr. Marian betreibt in Westberlin seine Boutique Kenting-Beach, in der er exquisite und handverlesene Stücke verkauft.

Dass das finanziell nicht unbedingt lukrativ ist, spielt nur eine Nebenrolle. Schließlich ist Mode ein Lebensgefühl, die Mietzuschüsse der Mutter waren bislang eine sichere Bank und als 41-jähriger Alleinstehender reicht eine Zwei-Zimmer-Wohnung vollkommen aus. Dass der einzige Sessel (ockergelb) nur eine Replik und kein Designer-Original ist, fällt niemandem auf.

Außerdem ist Marian gar nicht so viel zu Hause. Statt mit einem Titel sind die einzelnen Kapitel mit den jeweiligen Orten überschrieben, in denen sie sich abspielen: Wannsee, Rügen, Osaka, San Andrés, Neu- Delhi. Und das alles innerhalb eines Jahres. Was für ein schönes Leben, in dem Geld nur eine nebensächliche Rolle spielt und der Job mehr Mittel zur Profilierung als Zwang ist.

Immerhin taugt die Boutique auch als Kennenlernschauplatz für potenzielle Dates. Guter Geschmack ist ihnen schon mal sicher und als Mode-Aficionado ist das ein Muss. Nichts bringt Marian so richtig aus dem Konzept: Weder ein Date mit Selen, der ehemaligen Hausärztin seiner Mutter, das nach etwas zu viel Konsum mit ihrem Mageninhalt in einem Eimer und der Erwähnung eines Ehemanns endet, noch die potenzielle Klage eines hippen Designers, weil Kenting-Beach Fakes seiner Marke vertrieben hat.

Auch nicht, dass seine Exfreundin Franca ein Kind erwartet, obwohl sie mit ihm keins wollte, oder dass seine erfolgreiche DJane und Schwester Teda sich dazu entscheidet, seinen besten Freund Piet zu daten. Selbst wenn er hier und dort mal ein kurzes Stechen fühlt, weiß er es meist selbst nicht zu deuten. Das Hörbuch hat Leif Randt selbst eingelesen und liefert zu seinem unaufgeregten Schreibstil stimmlich das perfekte Pendant. Varianz in der Sprechweise ist nicht zu finden.

Stattdessen erzählt er lakonisch, ohne Hast und findet seinen ganz eigenen Rhythmus in der Monotonie. Gelebte Konsequenz. Wer auf der Suche nach Profundität ist, sollte um »Let’s Talk About Feelings« einen Bogen machen. Sowieso kann man die Banalität einiger Episoden nur rechtfertigen, weil Leif Randt das Zeitgeschehen in seinem Roman kaum merklich, aber doch fundamental präpariert: Bernie Sanders durfte regieren, und auch in Berlin ist eine liberale Fortschrittspartei am Ruder. Unter dieser Prämisse nagt das Zeitgeschehen nicht allzu sehr und lässt so Raum für die banalen Sorgen eines alternden Millennials.

Katharina Raskob


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