11.06. | Buch der Woche: Sascha Ehlert • Palo Santo
Claassen
Sascha Ehlert
Palo Santo
Claassen / 240 Seiten / 22,00 €
Palo Santo verspricht innere Erleuchtung. Heute liegt das heilige Holz in den bürgerlichen Wohnungen der Pop-Spirituellen, wie Sascha Ehlert sie nennt, und wartet darauf, achtsam abgefackelt zu werden. An die Wirkung muss man glauben wollen. Im Debüt-Roman des Journalisten und Autors spielt das eine wichtige Rolle: »Palo Santo« handelt von Golo und Hedi, die im Berlin des 21. Jahrhunderts leben. Sie stellen sich große Fragen: Sind sie richtig füreinander? Ist das immer bedrohlicher werdende Deutschland ihr Zuhause? Wer wären sie woanders? Sie spielen mit der Idee, nach Los Angeles auszuwandern, wo Träume und Turbokapitalismus gemeinsame Sache machen. Der Autor versetzt das Paar nach L.A. – dort finden sie den weltbekannten Regisseur Billy Wilder, Golos größte Inspiration. Der Bruch: Wilders goldene Zeiten lagen in Old Hollywood, er floh vor dem Nazi-Regime, das ist einige Jahrzehnte her. Und trotzdem bewegen sich Golo, Hedi und Billy in träumerischen Sequenzen immer wieder zeitgleich im selben Chateau Marmont, im selben Sunset Tower, im selben Stripclub. Sascha Ehlert schubst Lesende rein in seine erträumte, gleichermaßen utopische wie dystopische Wirklichkeit, die so voller popkultureller Spitzfindigkeiten steckt, dass man auf fast jeder Seite geneigt ist, eine Google-Suche zu Namen, Orten, Filmen zu starten. In »Palo Santo« steckt viel Atmosphäre, viel Wärme, viel Fantasie. Wer Kulturgeschichte liebt, ist hier richtig. Und der Plot? An den muss man glauben wollen.
Elisabeth Krainer